Der Fall Albert Drach entwickelt sich zu einem literaturgeschichtlichen und verlegerischen Kuriosum von großer Merkwürdigkeit. Mit Ausnahme eines mit siebzehn Jahren veröffentlichten Gedichtbandes sind bisher sämtliche von Drach verfaßten Romane, Erzählungen und Stücke, wenn auch mit Verspätung, laufend als "Gesammelte Werke" erschienen. Damit nicht genug. Drachs neueste Hervorbringung heißt "Achter Band", obwohl weder ein siebente! gedruckt oder angekündigt wurde noch von irgendwelchen Arbeiten verlautet, die man sich gesammelt als Nummer 7 vorzustellen hätte, so daß sich folgende Vermutungen aufdrängen:

Der Autor überspringt diese Opusnummer, gewitzigt durch die Tatsache, daß sein Landsmann Heimito von Doderer über dem Roman Kr. 7 das Zeitliche segnete. Oder er strebt mit dem Auslassen dieses Bandes eine künstliche bibliographische Unvollständigkeit an, nachdem die Ausgabe seiner Werke in unnatürlicher Lückenlosigkeit bisher alle als "gesammelt" zu bezeichnenden Ausgaben der Literaturgeschichte übertrifft und, gäbe es nicht den unplanmäßigen Frühstart des Siebzehnjährigen, die Bezeichnung "sämtliche" verdiente.

Als achter Band erscheint also –

Albert Drach: "Untersuchung an Mädeln" – Ein Kriminal-Protokoll; Claassen Verlag, Hamburg/Düsseldorf; 308 S., 22,– DM.

Ein Mordfall und seine Vorgeschichte, oder um in der von Drach bevorzugten Kanzleisprache seiner großen und kleinen Protokolle zu reden: der geurheberte Bericht einer Lebenslassung samt Vorerhebung an den daran beteiligten unverehelichten Stella Blumentrost und Esmeralda Nepalek.

Aus kleinbürgerlichen Verhältnissen die eine, aus proletarischen die andere, aller Barmittel ledig, von ihrem gemeinsamen Liebhaber versetzt, vom Regen durchnäßt, was die Reize ihrer Körper plastisch hervortreten läßt, stehen sie an der Landstraße und werden von dem später nicht mehr aufzufindenden, angeblich ermordeten Thugut im Auto mitgenommen. Die prompt Aufgegriffenen belasten sich zwar selber, aber ein Mord "im Zuge der Reiseerlebnisse" wäre gar nicht beweisbar ohne Leiche. Daher muß das Vorleben der Angeklagten das Hauptindiz ersetzen; die große Untersuchung beginnt.

Die Hergänge, die zum Tod oder zum Verschwinden Thuguts geführt haben – der Mann war übrigens pleite, hatte mehrfach geäußert, nach Südamerika verschwinden zu wollen, es gibt angeblich Zeugen, die ihn nach der Tatzeit gesehen haben, nur ist der Hauptzeuge, wie so oft, leider inzwischen verstorben –, treten immer mehr in den Hintergrund. Dagegen gewinnen gewisse Nebensächlichkeiten im Vorleben beider Mädchen, wie ein mehrfach erwähnter Wagenheber, eine fast mythische Bedeutsamkeit als verbale Versatzstücke, aus denen sich Zusammenhänge mühelos konstruieren lassen.