An italienischen Feiertagen müssen Schweizer Bankangestellte Überstunden machen, denn Italiener benutzen die Geburtsfeste ihrer Heiligen zum Ausflug in die Schweiz. Der Abstecher in das Nachbarland hat weniger touristische, als Vielmehr pekuniäre Hintergründe: Auch der kleinere Geschäftsmann zwischen Mailand und Rom trägt sein erspartes Lirepäket inzwischen zu den "Gnomen von Zürich". Die italienische Massenkapitalflucht in die Schweiz hat in den letzten drei Jahren den heimlichen Geldabfluß aus Frankreich und Deutschland in die Eidgenossenschaft bei weitem übertreffen.

Ein italienischer Bürger – befugt, nicht mehr als eine Million Lire (in 10 000-Lire-Scheinen) in seiner Westentasche über die Grenze zu tragen – hat sich auch von den Restriktionsmaßnahmen und guten Ermahnungen seiner Regierung nicht in seinem Glauben beirren lassen, er könne sein Geld zu besseren Zinssätzen und vor allem sicherer in der Schweiz anlegen. Der Präsident der Banca d’Italia, Guido Carli, schätzte 1969, daß jeden Tag etwa fünf Milliarden Lire Italien illegal in Richtung Schweiz verlassen. Und auch die italienische Wirtschaftsbilanz registrierte einen heimlichen Kapitalabfluß von 2000 Milliarden Lire in einem halben Jahr.

Die Dunkelziffer der tatsächlichen Vermögenswerte, die im Handkoffer über die Grenze gehen, stellen die offiziellen Ziffern indes noch in den Schatten. Schweizer Bankiers schätzen, daß inzwischen über zehn Milliarden Lire pro Tag auf Schweizer Nullkonten versteckt werden. Ein Teil dieser Gelder stamme sogar aus den Taschen jener italienischen Politiker und Finanzfachleute, die gegen den Kapitalabfluß strengste Rezepte verordnen.

Während sich Mailänder Industrielle schon seit einem Jahrzehnt ihre Schweizer Deckniederlassung und das Nullkonto auf einer Luganobank hielten, denken nun auch Tabakhändler, Ärzte und Ingenieure daran, ihr kleines Vermögen vor italienischen Steuerbehörden auf ein Schweizer Konto zu retten. Sie möchten das mühsam Ersparte nicht mehr nur vor den "Kommunisten, sondern auch vor den Faschisten" von den neutralen. Eidgenossen behüten lassen.

Allein in den ersten zehn Tagen dieses Monats fand die Guardia di Finanzia im Diplomatenköfferchen distinguierter italienischer Ärzte, Ingenieure und Geschäftsleute Bankbelege über 700 Millionen Lire, die auf ein Schweizer Konto emigriert waren. Doch die verschärften Grenzkontrollen konnten die heimliche Abwanderung italienischer Spargelder nicht eindämmen.

Dagegen sind die Lire-Schmuggler erfinderischer geworden: Im Golfsack, im Picknickkoffer passieren die Lirepakete, wie Butterbrote verpackt, den Schlagbaum. In Lugano trug ein italienischer Schneider in einer Fistasche seine gehorteten Millionen in die Bank, um sie dort, wie es in acht von zehn Fällen geschieht, in italienischen Wertpapieren anzulegen.

Die Bedeutung der Lire-Auswanderung hat sich bis zur Mailänder Unterwelt durchgesprochen. An der "Straße der Millionen", der Grenzroute Mailand-Chiasso lauern die Banditen den Lire-Kurieren wie einst die Raubritter am Weg den fürstlichen Pferdekutschen auf.