Von Jean Améry

Das Fernsehen fängt Charisma, Aura, Persönlichkeit im weitesten Sinne ein; der lineare Buchdruck, in dem das diskursive Denken sich repräsentiert, fördert die reine Idee zutage: Das Buch erscheint mir darum verläßlicher als der Bildschirm mit seiner optischen Stimmungsweckung. Aus diesem Grunde begrüße ich die Drucklegung der berühmt gewordenen Interviews, in denen das Bayerische Fernsehen den Austrobriten Sir Karl Popper und den Deutschamerikaner Herbert Marcuse unabhängig voneinander über politosophische Probleme befragte.

Das Büchlein, das uns dargeboten wird, hat nur den Umfang eines größeren Zeitschriftenbeitrags: dialektische kontra kritische Vernunft auf 48 Seiten. Aber man soll es lesen, auch wenn es wenig Neues beibringt zum allerwegen und allerorten ruminierten "Positivismusstreit". Unter dem Titel

"Revolution oder Reform?" – Herbert Marcuse und Karl Popper – eine Konfrontation; Kösel-Verlag, München; 48 S., 5,– DM

wird eine verknappte, erfreulich vereinfache, weil keineswegs simplifizierte Synthese neomarxistischer Gedangengänge einerseits, kritischrationalistischer andererseits vorgelegt. Der Interviewer Franz Stark, der auch ein ausgezeichnetes Nachwort beisteuerte, hat Marcuse und Popper auf zugleich raffinierte und seriöse Weise ausgeforscht, wobei er es sehr geschickt verstanden hat, jeden der beiden kollegial-feindlichen Philosophen, die einander nur flüchtig kennen und niemals direkt und ausführlich diskutierten, aufs Glatteis zu führen, ja in die Enge zu treiben.

In der Tat erkennen wir die beiden großen alten Männer als äußerst vulnerabel. Keiner triumphiert, weder der eine über den anderen, noch einer von ihnen über die scharfsinnig gestellten Fragen des Interviewers. Die Schwäche der beiden Positionen wird offenbar. Sie frappiert. uns im Durchlesen des Büchleins stärker als bei der Lektüre der großen Werke der Philosophen, in denen die kognitive Anstrengung uns imponiert und der Wissensreichtum uns verblüfft.

Die Ausgangspunkte der beiden Professoren dürfen hier im wesentlichen als bekannt vorausgesetzt werden: Marcuse spricht als neomarxistischer, neohegelianischer, neofreudianischer Revolutionär, Popper vertritt eine moderne, durch den Neopositivismus hindurchgegangene, ihm aber nicht verhaftete Version der Aufklärung. Achtzehntes kontra neunzehntes Jahrhundert, beide auf den Stand des zwanzigsten gebracht. Zu sprechen ist von der Fragilität beider.