Silber, so sagten noch vor einem Jahr die internationalen Silberexperten, die Minenbesitzer, die Silberverarbeiter, die Schatzämter, die Makler – Silber gibt es nicht mehr. "Die ganze Welt steht kurz davor, keines mehr zu haben."

Selbst wer Silber nur vom Eßbesteck oder vom Schmuck her kennt, konnte den hypnotischen Unterton dieser Aussage nicht überhören. Wenn in der Welt etwas knapp wird, dann steigen die Preise. Wenn ein Unwetter die Hälfte der Weizenernte vernichtet, wenn Heuschrecken in Pfirsichplantagen einfallen oder Regenbrüche die Kakaoernte in Ghana verwüsten – immer dann steigen die Preise raketenhaft in die Höhe.

Die Möglichkeit, aus solchen "Machtfaktoren" einen persönlichen Nutzen zu ziehen, bietet nun eine Handvoll Finanzberatungsfirmen in der Bundesrepublik den deutschen Anlegern an. In Inseraten und Prospekten wird ihnen klargemacht, daß die Erfolgschancen auf diesem Markt nicht dem Zufall unterliegen, sondern Einflüssen, deren Auswirkung mit mathematischer Genauigkeit errechnet werden könne. Die Prognosen der Computer sind gleich mit beigefügt und obendrein eine Liste mit den Erfolgen der Anlagevorschläge der letzten fünf oder sechs Monate, die irgendwo zwischen 200 und 2000 Prozent liegen.

Das Geschäft mit den Waren – die Spekulation mit Commodities – ist das gewagteste und faszinierendste Spiel, bei dem die Gewinnchancen und die Risiken in wenigen Tagen oder Wochen ins Unermeßliche steigen können. Ein Lied davon können einige der Direktoren der United California Bank (Zweigstelle Schweiz) singen. Sie stiegen im vergangenen Jahr in die Kakaobaisse ein und verloren 150 Millionen Mark. Die Bankbosse wanderten ins Gefängnis, weil sie ihre Kakaosucht mit Kundengeldern befriedigt hatten.

Jedem Kapitalanleger, dem der Spieltrieb fremd ist, wird der Warenterminmarkt unerträglich öde und langweilig erscheinen. Für die anderen ist er ein Zweig der Mathematik, der sich um die Analyse von Konfliktsituationen bemüht; dabei werden Verhaltensweisen erforscht und in theoretischen Modellen durchgespielt, dabei werden Informationen auf ihre funktionelle Tauglichkeit geprüft und strategische Pläne entworfen. Die Schlachtausrüstung: ein Telephon, ein Bankkonto, Millimeterpapier und eiserne Nerven. Ziel dieses Spiels ist es: Geld zu verdienen, viel Geld.

Sobald sich ein Nachbar in seiner Freizeit mit Schweinebäuchen, Zuckerpreisen, Weltmarktkonditionen auf dem Kaffeemarkt oder Naturkatastrophen im Kongo oder in Brasilien beschäftigt, ist ein neuer Commodity-Experte geboren. Aus einem gewöhnlichen Vertreter oder Prokuristen irgendeines Unternehmens ist plötzlich ein Mann mit internationalen Beziehungen geworden, der tonnenweise Rohstoffe auf dem Weltmarkt hin- und herschiebt, über Kontingente und unvernünftige Machthaber schimpft oder der mit den brasilianischen Kaffeepflückern über den plötzlichen Regen weint.

Sein wichtigstes Requisit sind die "Charts", Diagramme von Preisbewegungen des Tages, der Woche, des Monats oder Durchschnittspreise der letzten Wochen und Monate – oder eine Kombination von mehreren. Im Prinzip geht es allein um die Frage: Was werden die anderen tun? Die Reaktion auf Informationen wird, gemessen und Schlüsse für die weitere Entwicklung gezogen. Ein Kenner des Marktes beschrieb diesen Vorgang treffend mit der Bemerkung: "... aus den Fußspuren der Preisbewegungen die Zukunft voraussagen."