Teuerung auf Rekordstand – und es ist nicht zu sehen, was Karl Schiller noch dagegen unternehmen kann

Während Karl Schiller in Mexiko Urlaub machte, kam aus den Computern des Statistischen Bundesamtes die Hiobsbotschaft. Allen Hoffnungen und Versprechungen der Regierung zum Trotz nimmt das Tempo der Preissteigerungen beständig zu. Der September brachte die höchste Geldentwertungsrate der letzten zwanzig Jahre: Die Kosten der Lebenshaltung erhöhten sich gegenüber dem September 1970 um 5,9 Prozent.

So zeigt sich, wie recht die Skeptiker hatten: Trotz Aufwertung und "Floating" ist es Schiller nicht gelungen, die Bundesrepublik "vom internationalen Inflationszug abzuhängen". Michael Jungblut schildert nebenstehend den vergeblichen Kampf, den der Wirtschaftsminister seit zwei Jahren gegen die wachsende Teuerung führt. 1970 noch galten drei Prozent Preissteigerungen als "nicht tolerierbar", im Frühjahr noch zeigte sich Schiller alarmiert von der Gefahr, daß wir 1971 auf vier Prozent Teuerung kommen könnten – nun sind wir fast bei sechs Prozent angelangt. Und es ist nicht zu sehen, was die Regierung noch gegen "die Inflation" unternehmen könnte.

Inzwischen ist nämlich die Inflation nicht mehr das einzige Übel, das die Wirtschaftspolitik bekämpfen muß. Die Abkühlung der Konjunktur, seit einem Jahr immer wieder vorschnell vorausgesagt, wird nun doch spürbar: Die Nachrichten über Abbau von Überstunden, Kurzarbeit und Entlassungen mehren sich. Karl Schiller muß aufpassen, daß wir nicht zur Inflation noch die Stagnation bekommen, nicht in die "Stagflation" abrutschen.

Die Bundesbank, nach Tradition und Gesetz Verteidigerin der Stabilität, ist schon dabei, ihre Bastionen zu räumen. Auch an der Frankfurter Taunusanlage will man verständlicherweise nicht die Verantwortung für Flaute oder gar Rezession aufgebürdet bekommen. Ein Abschied von der Hochzinspolitik aber bedeutet, daß man auf die letzte – allerdings kaum noch wirkungsvolle – Waffe im Kampf gegen die Inflation verzichtet.

In Bonn stellt man sich darauf ein, daß nach einem kurzen "Marsch durch die Talsohle" schon 1972 ein neuer Aufstieg beginnen wird. Und dann, so kalkulieren die Parteistrategen, ist Schiller wieder in seinem Element: "durchstarten" ist allemal populärer als "bremsen". Aber man darf sich nicht täuschen: 1967 gab Schiller Konjunkturspritzen bei einem Prozent Preissteigerung, jetzt liegen wir bei sechs Prozent. Man muß nicht lange grübeln, um vorauszusehen, welche Wirkung eine Ankurbelung der Wirtschaft da auf die Preisentwicklung haben wird.

Freilich bleibt dem Superminister des Kabinetts Brandt kaum eine andere Wahl: Arbeitslosigkeit kann sich die Koalition noch weniger leisten als Inflation.