Von Joachim Nawrocki

Selbst Branchenkenner hatten nicht erwartet, daß das westdeutsch-sowjetische Luftfahrtabkommen, über das seit Jahren verhandelt wurde, so schnell nach der Unterzeichnung des Berlin-Abkommens unter Dach und Fach gebracht werden könnte. Vor allem die Westalliierten, so hatten viele gemeint, würden eine Einigung zwischen Bonn und Moskau blockieren – aus politischen und aus wirtschaftlichen Gründen.

Wie sollte Berlin in den Luftverkehr von West nach Ost einbezogen werden? Das war das Problem der Verhandlungen zwischen Bonn und Moskau. Es ist nun, nach bewährtem Vorbild, zunächst ausgeklammert worden. Es wiegt freilich nicht mehr so schwer wie zuvor, da nun auch der Osten die außenpolitische Vertretung West-Berlins durch den Bund respektiert.

Überdies kann die Bundesregierung sicher sein, daß in absehbarer Zeit nicht nur die sowjetische Aeroflot bei ihren Flügen zwischen der Sowjetunion und der Bundesrepublik auf dem Ost-Berliner Flughafen Schönefeld landen wird, sondern daß die Lufthansa auch auf dem West-Berliner Flugplatz Berlin-Tegel zwischenlanden kann. Dies setzt freilich ein Abkommen zwischen der Bundesrepublik und der DDR voraus.

Beide deutschen Regierungen müssen einander das Recht gewähren, daß ihre Luftfahrtgesellschaften das Territorium des jeweils anderen deutschen Staates überfliegen können. Da die Lufthansa, will sie in Tegel zwischenlanden, auf ihrem Weg nach Moskau nicht die Luftkorridore der Alliierten benutzen kann, muß sie einen anderen Weg nehmen und braucht somit eine Überfluggenehmigung der DDR.

Die Staatssekretäre Bahr und Kohl haben allerdings noch nicht über den Luftverkehr gesprochen. Aus zwei Gründen nicht: Einmal muß Bonn mit den Westmächten eine einheitliche Strategie vereinbaren. Zum anderen hat es die DDR wahrscheinlich eiliger, mit der Bundesrepublik ein Überflugabkommen zu schließen und Landerechte zu erhalten, denn während der Olympiade wird auch die Interflug der DDR in München präsent sein wollen. So kann also die Bundesregierung gelassen und zuversichtlich hoffen, daß diese Fragen bis zum nächsten Sommer geklärt sind.

Wenn sich die Bonner Hoffnungen erfüllen, dann wäre endlich West-Berlin nicht mehr der Sackbahnhof für den internationalen Luftverkehr, nicht mehr Endstation aller Liniendienste aus Westdeutschland, New York, London und Paris. Obwohl in der Mitte Europas gelegen, konnte Berlin nach dem Kriege kein Luftkreuz von Bedeutung werden.