Von Josef Müller-Marein

Ernst Feder: "Heute sprach ich mit ... Tagebücher eines Berliner Publizisten, 1926 bis 1932"; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1971; 432 S., 38,– DM.

Ernst Feder, Doktor der Jurisprudenz, innenpolitischer Redakteur des Berliner Tageblatts von 1919 bis 1931, diktierte abends seiner Frau Erna Notizen über die Begegnungen und Erlebnisse des Tages. Es waren Gedächtnisstützen, auf die er für seine journalistische Arbeit zurückgreifen konnte. Für eine Veröffentlichung waren sie nicht gedacht. Sie sind trocken, aber präzise, unpersönlich, nein: ent-persönlicht; dies natürlich nicht aus Prinzip, sondern weil der Kämpfer abends müde war, wenn auch häufig noch erregt.

Die Erregung aber bringt etwas Außerordentliches zustande. Denn die Nervenspannung führt zu eindringlicher Mitteilung, obwohl doch an keinen fremden Leser gedacht war. Dies mag auch darauf beruhen, daß einer, der viel und temperamentvoll zu schreiben gewohnt ist – und das war bei Ernst Feder in hohem Maße der Fall –, auch dort Stil entwickelt, wo es ihm nicht darum zu tun ist. Zugleich aber begreift man, daß allein schon die Erregung, ob sie aus der Ungewißheit über den Ausgang des Kampfes, ob aus der Verzweiflung oder der Trauer rührt, fähig ist, formgestaltende Kräfte zu entwickeln. Jedenfalls haben die Herausgeber Cécile und Ernst Lowenthal und Arnold Paucker durchaus Erfolg, wenn gewiß auch nach großen Mühen, gehabt, als sie durch kluge Auswahl und zuverlässige Kommentierung aus dem Berg von Notizen, aus reichem und "heißem", sozusagen privathistorischem Material jener "Vierzehn Jahre" ein Buch machten, das Ernst Feder, der Schriftsteller von Format, so niemals geschrieben hätte, das gleichwohl mit vollem Recht seinen Namen trägt.

Dieser Ernst Feder war ein verantwortungsbewußter kämpferischer Journalist: er war als Vorstandsmitglied der Deutschen Demokratischen Partei ein leidenschaftlicher Politiker der Praxis; er repräsentierte das deutsche Judentum in seiner preußischen, berlinischen Prägung: daher übrigens die Tatsache, daß diese "Tagebücher eines Berliner Publizisten" vom Leo-Baeck-Institut veröffentlicht wurden.

Man ahnte schon aus den Erinnerungen Fred Hildenbrandts, der zur gleichen Zeit wie Feder der Redaktion des BT angehörte, daß diese bedeutende Zeitung schon vor Hitlers Triumph ihrem Untergang entgegensteuerte. Feders zornigen oder verzweifelten Bemerkungen machen dies nun ganz deutlich.

Hatte das Berliner Tageblatt unter der Chefredaktion von Theodor Wolff, der ein Neffe des Verlegers Rudolf Mosse war und die Zeitung von 1906 bis 1933 lenkte, Weltgeltung errungen, so hat derselbe Mann sich schließlich gegen den Haupterben seines Onkels nicht genug wehren können. Dieser, nämlich Hans Lachmann, der Mosses Adoptivtochter Felicia geheiratet hatte, machte seinen Einfluß höchst selbstherrlich gegenüber der Redaktion geltend. Was tun, wenn man ihn ohne Wissen Wolffs sogar am Umbruchtisch fand?