Gäste auf dem Londoner Flughafen staunten nicht wenig: Was das junge Mädchen trug, gab alles preis – oder doch immerhin das Wesentliche. Unter einem nur hüftlangen Oberteil blieben Po und jene Stelle, die Eva einst mit einem Feigenblatt bedeckte, den Blicken zugänglich – lediglich etwas getönt oder vielmehr fast klarsichtig verpackt in einer zarten Strumpfhose. Kein Höschen, kein Slip. Weder drunter noch drüber. Und einen BH trug Vicki auch nicht. So bestieg sie das Flugzeug nach San Franzisko.

Das ist – so heißt es, und Junggesellen hören es mit uneingeschränkter Freude – die neue Mode. Angeregt wurde sie von der englischen Dozentin Germaine Greer, Autorin des Buches "Der weibliche Eunuch". Und viele junge Engländerinnen wollen jetzt so auf die Straße. Aber keinesfalls, um die Männer aufzureizen. Vielmehr sei dies als Befreiung der Frau gemeint, als Protest gegen den von männlicher Gier und Lust erdachten Reizwäsche-Zwang, der die Frau zum Lustobjekt des Mannes, mache.

Zu fast demselben Verpackungs-Ergebnis aber waren – nur unter ganz und gar entgegengesetzten Vorzeichen – eben jene Lustobjekte des Mannes längst gekommen, denen es nicht um Protest, sondern um Prostitution geht. Aber im Kern ist der Unterschied hier, schließlich so groß nicht: Protestieren (von lateinisch pro und testari) heißt eigentlich: öffentlich jemanden zum Zeugen anrufen. Und sich prostituieren (vom. lateinischen prostituere – öffentlich hinstellen) heißt zunächst nur: sich preisgeben, sich bloßstellen.

So scheint sich auf dem Höhepunkt weiblicher Emanzipation der Kreis zu schließen. Es wird wieder sein wie im Paradies, bevor Adam, um Eva zu unterdrücken, auf die Idee mit dem Feigenblatt kam. Gerhard Prause