Sensationelle Berichte aus der Forschung gab es nicht. Trotzdem gehörte die diesjährige 36. Deutsche Physikertagung in Essen mit zu den anregendsten der letzten Jahre. Warum? Vor allem wohl, weil auf diesem Kongreß ein neuer Tagungsstil erprobt wurde: Vortragende und Zuhörer hätten nach jedem Referat Zeit und Gelegenheit, miteinander zu diskutieren – ein Angebot, von dem ausgiebig Gebrauch gemacht wurde.

Beispiel: eine Nachmittagssitzung mit dem Thema "Thermionische Energie-Direktumwandlung". In Kurzreferaten wurden die physikalischen und technischen Grundlagen dieses Wandlers dargestellt, eines Wandlers, der Wärme direkt in elektrischen Strom umformt: Eine aufgeheizte Elektrode emittiert Ladungsträger, die von einer zweiten, kalten Elektrode abgesaugt werden. Besonders interessant scheint dieses Verfahren für die Umwandlung der Spaltwärme bei Kernreaktionen zu sein.

Bislang testete man Brennelemente mit solchen thermionischen Dioden nur in herkömmlichen Reaktoren. Diese Vorversuche sind abgeschlossen; die, Ingenieure bekamen die Technologie in den Griff, und die Wissenschaftler vervollständigten ihre Kenntnisse von den physikalischen Vorgängen (allerdings waren sich die Experten nicht einig darüber, ob sie die Physik bereits völlig beherrschen oder ob da nicht noch viel "schwarze Kunst" im Spiel ist).

Nun wäre es an der Zeit, mit dem Bau eines eigenen kleinen Thermionikreaktors zu beginnen, damit solch eine komplette Energie-Wandler-Einheit technisch ausprobiert und ihr Verhalten studiert werden kann. Ein solcher Bau aber ist teuer – so teuer, daß er den Etat der Forschungsinstitute übersteigen würde. Deshalb soll der Staat das Projekt unterstützen. Dazu aber müssen die Anwendungsmöglichkeiten solcher Wandler oder Generatoren, die vier Jahre wartungsfrei eine konstante elektrische Energie liefern und einen Wirkungsgrad von 14 Prozent haben sollen, genau präzisiert werden.

Mit einigen Beispielen für die Anwendung konnten die Forscher aufwarten, etwa dem Einsatz der Thermionik in der Weltraumfahrt, in Fernsehsatelliten und in der Unterwasserforschung. Indes: Diese Forschungs- und Anwendungsgebiete werden in der Bundesrepublik kaum oder nur sehr halbherzig betrieben. Ist es unter diesen Umständen (und im Hinblick auf die angespannte Finanzlage) überhaupt sinnvoll, so fragten Wissenschaftler aus dem Publikum, das Projekt weiterzuverfolgen?

Oder sollte es vielleicht doch noch andere Beispiele geben, auf die Deutschland (oder Europa) mit der Thermionikforschung zielt? Auch wenn die so befragten Experten äußerten, sie könnten sich nicht vorstellen, daß es für eine "so interessante Energiequelle keine anderen Anwendungsgebiete als Weltraumfahrt und Unterwasserforschung geben sollte" – benennen konnten sie keine. Nur die Erweiterung der physikalischen Kenntnisse und die Entwicklung neuer Technologien (zum Beispiel der hochwarmfester Werkstoffe, die auch bei anderen Problemen eingesetzt werden) wurden als zusätzliche Motivationen genannt. Reichen diese Ziele aber dafür aus, daß mehr Geld in das Projekt investiert wird? Die Frage blieb unbeantwortet im Raum stehen.

Die Physiker sind also kritischer geworden – auch in anderen Sitzungen kam das zum Ausdruck. Allerdings sind ihre Motive nicht immer uneigennützig. Die oben zitierte Frage nach der "Gesellschaftsrelevanz" der Thermionik zum Beispiel stellte der Plasmaphysiker Hermann Jordan von der Kernforschungsanlage Jülich. Hatte er Sorge, daß sein Etat beschnitten werden könnte, wenn Geld in neue Forschungsgebiete fließt?