Von Horst Unger

Herkules hat in einer einzigen Nacht hundert Jungfrauen geschwängert. Ich habe an-einem einzigen Tag ein Dutzend Kopenhagener Porno-Shops gemacht ... ein bißchen viel für einen alleinreisenden Herrn. Diese Läden! Da gibt es kleine Boutiquen und Etablissements mit mehreren Etagen. Hier sorgt eine schöne Mulattin für exotische Stimmung, da bietet eine barbusige Blondine ihre Brüste feil, und im Laden des Pornokönigs Madsen animiert ein deutscher Schäferhund die Kundschaft. Im übrigen aber haben diese Läden so gut wie alles gemeinsam: Regale von einer Ecke zur anderen – bis unter die Decke mit Pornoheften vollgestopft.

Die meisten Hefte sind Bildmagazine ohne Text. Sofern sie Texte halben, so wimmeln die nicht nur von Vulgärausdrücken, sondern überdies auch von orthographischen Fehlern. Der schlichte Beischlaf zu zweit scheint aus der Mode gekommen zu sein. Terzette, Quartette, Sextette und gemischte Doppel sind die bevorzugten Arrangements dieser stummen Kammermusik. Lesbische Intermezzi geben den erschöpften Akteuren Gelegenheit zu verpusten. Auch spielt die Liebe zum Tier eine große Rolle. Neben grober Pornographie gibt es gelegentlich auch etwas fürs Gemüt. Zum Beispiel die Schallplatte "Liebe im Bett". Mitwirkende: eine knarrende Matratze und ein offenbar dänisches Paar, das mit Hoftheaterpathos in deutscher Zunge stöhnt.

Die Pornofabrikanten sind so tierisch ernst wie ihre Kunden. 98 Prozent der Kunden sind Männer, die meisten mittleren Alters und den besser gekleideten – Ständen angehörig. Stumm stehen sie vor den Regalen und blättern mit gesammelter Miene in den Heften. In den Läden fällt kaum ein Wort, und damit die Stille nicht gar zu beängstigend wird, produziert ein Lautsprecher sanften Pop... leise, dezent. Wenn einer sich zum Kauf entschließt – nur jeder Zehnte tut es – äußert er flüsternd seine Wünsche und schleicht sich mit schlechtem Gewissen davon. Nur einmal auf meiner Pilgerreise durchs unheilige Land der Obszönität habe ich eine Frau in einem Pornoladen gesehen – eine elegante Holländerin Mitte Dreißig. Sie hatte es freilich nicht auf Sex aus zweiter, sondern aus erster Hand abgesehen und fragte den Inhaber, ob er ihr nicht einen potenten Partner vermitteln könne. Er konnte – und wollte gerade telephonieren. In diesem Augenblick versuchte ein nicht mehr jugendlicher Herr aus der Tür zu witschen, wurde beim Kragen genommen und überführt...: Er hatte fünf kolorierte Hefte und einen Vibrator in der Manteltasche ... Notstand – Schicksal – Polizei, Zu allen sexuellen Nöten nun auch noch die juristischen. Wie sich herausstellte, war der Beklagenswerte schon neunzehnmal beim Diebstahl von Porno ertappt worden. Der sonst höchst witzige Geschäftsinhaber war empört. "Porno stehlen – das ist doch die größte Schweinerei, die’s gibt." Wie gesagt, der Branche fehlt jeder Sinn für Humor.

57 Prozent der Dänen haben sich letztes Jahr mit der Legalisierung der Pornographie einverstanden erklärt. Aber es fehlt nicht an Protesten von Ausländern, denen das dänische Porno-Monopol ein Ärgernis und ein Pfahl im Fleische ist. Im August dieses Jahres wurde sogar eine britisch-bundesdeutsche Organisation gegründet, deren Vorsitzende, die Engländerin Mrs. Mary Whitehouse ist. (Sie ist zugleich Vorsitzende des britischen Fernseher- und Hörerverbandes). Ihr Verein, der auch die Unterstützung des Vatikans genießt, will Dänemark vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag verklagen. Anfang November will Mrs. Whitehouse ihre Mitglieder zu einem Kongreß in Bonn versammeln, wo führende Experten’ der Mentalhygiene und Psychologie "beweisen werden, welche fürchterlichen Folgen Pornographie hat".

Es wird sich zeigen, mit welchen Argumenten sie das schaffen wollen. Die Erfahrungen, die man in Dänemark gemacht hat, beweisen exakt das Gegenteil. In Dänemark ist die Pornographie des sensationellen Charakters beraubt worden, den sie anderswo noch hat ohne daß die Dänen Schaden an ihrer Seele genommen hätten. Zwar führt der "Sex Guide" für Kopenhagen 24 Sex-Clubs, 56 Porno-Shops, 12 Porno-Produzenten; 15 Massage-Salons und ein paar Spezialläden für Sexwäsche, Lederzeug, Peitschen, hygienische Artikel und anderes auf. Aber diese Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen. Einige der zitierten Etablissements sind, längst wieder eingegangen, andere, – voll guter Hoffnung – hinzugekommen, und viele der verheißenen Sündenstätten sind recht normale, aber sündhaft teure Bars.

Die Porno-Branche steht durchaus, nicht so sicher auf den Beinen, wie sie vorgibt. Vieles ändert sich von heute auf morgen und – alles – fließt. Aber keine Rede davon, daß sich eine Schleimspur durch Kopenhagen zieht. Es ist die zauberhafte Stadt geblieben, in die man sich jedesmal aufs neue verliebt.