REPORT AUS BONN

Trotz des monatelangen Mark-Floatings sind die Exporte nach USA im Juli um 30 Prozent, im August um 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. In Karl Schillers Superministerium wurde dies zurückhaltend kommentiert. Es heißt, die Steigerungen seien wohl auch auf die Furcht deutscher Exporteure vor weiteren Einfuhrbeschränkungen durch die US-Regierung zurückzuführen. Die Mitte August beschlossenen US-Maßnahmen gegen Einfuhren aus Drittländern konnten sich auf die Statistiken der Monate Juli und Atgust noch kaum auswirken.

Beim BDI in Köln gibt man auf die August-Statistiken nicht besonders viel. Die Steigerungen werden mit dem üblichen "Verzögerungs-Effekt" interpretiert. An der Furcht vor einem Exportrückgang infolge des Floatings habe sich nichts geändert. Der Leiter der Außenhandelsabteilung des BDI, Klaus Ulrich Gocksch: "Die Auswirkungen im Handel mit Amerika sind viel schlimmer, als wir ursprünglich annahmen." Ein Rückgang der Erlöse sei gleichfalls zu verzeichnen, in "einzelnen Bereichen ist es sogar veiheerend".

Im Mittelpunkt der Gespräche, die Bundeskanzler Willy Brandt Anfang der Woche mit Bundesbankpräsident Karl Klasen führte, standen die Erwartungen hinsichtlich der Lockerung der Zinspolitik. Im Kanzleramt und im Wirtschaftsministerium wird eine Senkung des Diskontsatzes schon seit längerem als dringlich befürwortet.

Elmar Pieroth, CDU-Abgeordneter und engagierter Vermögensumverteiler der Union, kann nicht glauben, daß der SPD-Bundestagsabgeordnete Wilhelm Dröscher seinen Wahlkreis Bad Kreuznach an "einen Fremden aus Hamburg verschieben" will. Dröscher gibt sein Bundestagsmandat auf und will sich ganz der Oppositionsführung im Landtag von Rheinland-Pfalz widmen. Als Nachfolger im Bundestagswahlkreis ist der aus Hamburg stammende Regierungssprecher Conrad Ahlers im Gespräch. Gegen ihn müßte Elmar Pieroth 1973 antreten, der sich wieder um diesen Wahlkreis bemüht.

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Rainer Barzel, neuer CDU-Vorsitzender, fand nicht nur Zustimmung, als er den als Schatzmeister der CDU ausgeschiedenen Ex-Wirtschaftsminister Kurt Schmücker mit lobenden Worten verabschiedete. Barzel hatte vor allem Schmückers Bemühen um den Mittelstand stark herausgestellt. Theodor Sonnemann (CDU), Präsident des Raiffeisenverbandes, interpretierte die bisherige, auch von Schmücker mitgestaltete Mittelstandspolitik früherer CDU-Regierungen weniger positiv. Sonnemann ironisch: "Unter dem früheren Wirtschaftsminister Ludwig Erhard hat man unter Mittelstand die Bäcker und die Fleischer verstanden, Erhards Nachfolger Schmücker hat dann zusätzlich die Drucker eingebracht (Schmücker ist Druckereibesitzer). Diesem Verein hat sich dann noch der CDU-Abgeordnete Heinrich Gewandt mit seinen Drogisten angehängt" (Gewandt ist Drogist). Mittelstandsvertreter der CDU im Bundestag finden solche Sonnemann-Worte ungerecht.

REPORT AUS BONN

Der Godesberger Industrielle Alexander Werth bot dem Bonner Sowjet-Botschafter Valentin Falin seine feudale Villa als Botschafterresidenz an. Den Sowjet-Menschen stört dabei überhaupt, nicht, daß Werth CDU-Mitglied und Kapitalist ist, ebensowenig wie Werth sich daran stößt, daß sein Grundbesitz in kommunistische Hände übergeht, sofern nur die Kasse stimmt. Der 62jährige Werth, Aufsichtsratsmitglied der Godesberger Kingsdorff-Werke, will sich ohnedies über kurz oder lang ganz in die Schweiz zurückziehen, wo Werth wie so viele Industriebosse bereits seinen zweiten Wohnsitz hat. Die Wohnungssorgen der sowjetischen, Vertreter in Bonn wären dann endlich beseitigt.

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Im Wirtschaftsministerium reagierte man unwirsch auf Pressemeldungen, wonach auf der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds in Washington "außer Spesen nichts gewesen" sei. Wer in Washington dabeigewesen sei, der habe feststellen müssen, daß "sehr hart gearbeitet" wurde. Für die Währungskonferenz der nächsten Zeit gebe es immerhin schon eine Tagesordnung, die es bis dahin nicht gegeben habe.

Fusionen bedeuteten in der Wirtschaft bisher stets die Zusammenfassung von mindestens zwei Unternehmen zu einem einzigen. Daß eine Fusion auch ein Zusammenschluß von zweien zu sechs bedeuten kann, werden Raiffeisenverband und Deutscher Genossenschaftsverband in Kürze vorexerzieren. Die bisherigen Verbände bleiben unter ihrem alten Namen bestehen und zwar als Verwalterinnen des jeweiligen Verbandsvermögens. Präsidenten bleiben Theodor Sonnemann (Raiffeisen) und Horst Baumann (Genossenschaftsverband). In dem zu gründenden Dachverband werden zwei Präsidenten (Sonnemann und Baumann) die Interessen beider Verbände gemeinsam repräsentieren. Überdies wird es drei Fachverbände geben (jeweils für die Ressorts Banken, gewerbliche Genossenschaften und ländliche Genossenschaften). Als Präsidenten fungieren in diesen Verbänden die Präsidenten Sonnemann und Baumann sowie voraussichtlich Erich Diederichs, derzeitiger Direktor der Edeka-Genossenschaft.

Wolf gang Hoffmann