Von Wolfram Siebeck

Ach", seufzte der alte Intellektuelle beim Anblick der dünnhäutigen Würstchen auf seinem Teilen "Vor zehn Jahren war Frankfurt noch ein Geheimtip für Kenner. Da war man hier noch unter sich!" Wehmütig erinnerte er daran, wie man auf der Buchmesse die Kochkünste von Grass besprach und den Lebenswandel der Elsner würdigte. "Damals konnte man hier noch in Ruhe ein Buch klauen. Heute jedoch", der alte Intellektuelle blickte mißbilligend zum Nebentisch, wo junge Intellektuelle die Fusion zwischen Bertelsmann und Fiat prophezeiten, "heute glaubt jeder, dabeisein zu müssen. Es ist wie in Kampen im August."

Tatsächlich ist der Vergleich mit einem mondänen Urlaubsort nicht von der Luchterhand zu weisen. Schon vermittelt ein Reisebüro unter dem Namen "Literatour" Wochenendfahrten zur Buchmesse für jeden Geldbeutel. Wer seine Urlaubsbekannten aus Ibiza in Frankfurt wiedertreffen will, ist schon mit 185 Mark dabei; vorausgesetzt, er begnügt sich mit einem Messerundgang, wobei Gelegenheit geboten wird, mindestens drei Fernsehteams zu beobachten, wenn sie Robert Neumann zum erotischen Roman befragen.

Für 100 Mark mehr beobachtet der Messe-, tourist die Lektoren eines großen Verlages (Wahlweise Rowohlt oder Suhrkamp) beim Umstrukturieren der Verlagsleitung und hat Gelegenheit, das Absterben der kleinen Verlage mitanzuhören. Für rund 400 Mark bietet das Reisebüro die Begegnung mit einem jungen Dichter (Förderpreis einer mittleren Großstadt), mit einem aufstrebenden Autor (je 1 positive Besprechung in der ZEIT und FAZ), mit dem für die Bestsellerliste im SPIEGEL verantwortlichen Redakteur und einen guten Platz bei der Diskussion zweier Verleger über die Qualität der Schweizer Weine.

Doch das Spitzenangebot von "Literatour" sind Einzelführungen durch Kenner des Betriebs. Der Reisegesellschaft ist es gelungen, namhafte Intellektuelle zu verpflichten – u. a. Robert Lembke, Hans Sachs, Guido Baumann –, die den Messebesucher an den Autor bringen. Daß es der Führung durch einen Routinier bedarf, wird jeder einsehen, der einmal versuchte, Grass auf Anhieb von Udo Jürgens oder Gabriele Henkel von der Knef zu unterscheiden.

"Literatour" berät ihre Kunden auch in der wichtigen Frage der passenden Reisekleidung. Danach trägt man heuer in Frankfurt großgemusterte Krawatten zu korrekten Anzügen in gedeckten Farben oder Tweed mit Kaschmirpulli. Leder ist passć; Stiefel tragen nur noch die Damen, und wer "in" sein will, hebt sich durch neuerdings wieder kürzeren Haarschnitt von den Fußballstars und Lektoren ab.

"Das alles gab es früher nicht", seufzte der alte Intellektuelle wieder. "Früher fuhren wir auf dem Notsitz von Walsers Roadster hierher. Heute werden sie mit dem Jumbo eingeflogen!" Die Verachtung in seiner Stimme war nicht mehr zu steigern. Das hatte sie mit der Auflage seines Buches gemein.