Von Rudolf Walter Leonhardt

Die ersten drei Thesen hatten gelautet: Rapiden Veränderungen der gesellschaftlichen Formen entsprechen keine vergleichbaren Veränderungen des Menschen. – Erziehung heißt, jungen Menschen die möglichen Formen des Menschseins und die zur Zeit möglichen Formen der Gesellschaft bekannt zu machen und zur Wahl zu stellen. – Der größte und wichtigste Teil aller Erziehung ist Aufklärung.

4. These: An einem kritischen Punkt muß Aufklärung anfangen, sich mit mehr als einer Wahrheit zu beschäftigen.

Innerhalb eines geschlossenen Weltbildes, einer festgefügten Ordnung der Werte wäre diese vierte These reine Ketzerei. Streng Gläubige, auch Ideologie-Gläubige, können sich nicht leicht damit zufriedengeben, daß es noch andere Wahrheiten geben könnte außer der ihren.

Dabei beschränken sie sich keineswegs auf die eigentliche, die zentrale Wahrheit ihres Glaubens; sondern sie beziehen, dem Zwang zur Totalität folgend, auch Wahrheiten ein, für die sie gar nicht kompetent sind.

Als Beispiel bietet sich die christliche Kirche an. Welcher Teufel mag die Hand im Spiel gehabt haben, als die Päpste und Bischöfe sich nicht auf die Wahrheit des Evangeliums beschränkten, sondern sich etwa einließen mit den Wahrheiten der Naturwissenschaften.

Das führte dazu, wozu fanatisches Festhalten an der einen und einzigen allumfassenden Wahrheit immer führt: zu Schisma oder Laxismus: