Die Bonner Besucher kehrten dieses Mal frühzeitig von ihrer Visite in Moskau zurück. Im Aktenkoffer lag ein fertiges Vertragswerk, um das seit Jahren in wochenlangen Verhandlungen zäh, jedoch vergeblich mit den Russen verhandelt worden war. Stolz konnte Verkehrsminister Georg Leber der deutschen Öffentlichkeit mitteilen, was die kleine Delegation von der Moskwa mit heimgebracht hatte: Am 1. Februar 1972 werden die bundeseigene Lufthansa und die sowjetische Aeroflot den Flugverkehr zwischen beiden Ländern aufnehmen.

"In sehr freundlicher Atmosphäre" (Minister Leber) konnten Verhandlungsleiter Ulrich Schmitt-Ott, Ministerialdirektor im Verkehrsministerium, und seine Kommission (zwei Luftfahrtexperten aus dem Verkehrsministerium, je ein Vertreter vom Bonner Auswärtigen Amt und von der Deutschen Botschaft in Moskau, zwei Berater der Deutschen Lufthansa und Dolmetscher) mit den Russen die alten Streitpunkte ausräumen.

Nach Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Vertrages durch Bundeskanzler Brandt am 12. August letzten Jahres und nach Einigung der Vier Mächte auf ein Berlin-Abkommen am 3. September 1971 gaben sich die Russen konziliant: Über die alten Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich Streckenführung und Zwischenlandeplätzen wurden sich die Lufthändler schnell einig.

Zweimal in der Woche, am Montag und Donnerstag, wird die Lufthansa mit einer Boeing 727 (95 Fluggastsitze) von Frankfurt aus im Nonstop-Flug durch den Luftkorridor über das tschechoslowakische Eger gen Moskau fliegen. Flugzeit: rund drei Stunden. Zweimal in der Woche auch wird Aeroflot mit einer Iljuschin 62 (115 Fluggastsitze) von Moskau mit Zwischenlandung auf dem Ost-Berliner Airport Schönefeld den Rhein-Main-Flughafen anfliegen.

Beiden Fluggesellschaften wurde im Vertrag zugleich die Möglichkeit eingeräumt, im Gastland weitere Orte anzufliegen. So sollen der Aeroflot bei Bedarf die Flughäfen von Hamburg, Köln oder München offenstehen. Und Lufthansa kann in Leningrad, Kiew und Taschkent landen. Zwischenlandeplätze sind für beide Gesellschaften Warschau, Prag, Wien und Budapest.

Als "fünfte Freiheit", im Luftverkehr das Recht, an einem Ort Personen, Post und Fracht aufzunehmen, wurde von den Deutschen – als Gegenstück zu Schönefeld – der derzeitig im Ausbau befindliche West-Berliner Großflughafen Tegel genannt. Im Zeichen neu erwachter deutschsowjetischer Freundschaft wurde der Bonner Wunsch in Moskau akzeptiert.

Dennoch wird die Lufthansa nicht von ihrer Freiheit Gebrauch machen. Sie zieht aus wirtschaftlichen Gründen den Nonstop-Flug in die sowjetische Hauptstadt vor. Bislang allerdings zeigten auch die drei westlichen Mächte keine große Begeisterung, ihren eigenen, den Berlin-Luftverkehr allein beherrschenden Fluggesellschaften Konkurrenz ins gut bestellte Geschäft zu holen.