Daß auf dem Bildschirm eifrig gemordet, geschossen, geraubt, geschlagen, gesoffen und gehurt wird – wöchentlich flimmern mehr als 400 Verbrechen in die Wohnzimmer der Bundesbürger – daran haben sich die Leute längst gewöhnt. Die brutalisierte Umwelt ist tief im Bewußtsein und verursacht keine Schmerzen mehr.

Daß aber die Fernsehanstalten voll in die Drogenszene einsteigen und über eine Woche lang – vom 1. bis 10. Oktober – Variationen über das Thema Rausch und Rauschmittel im Abendprogramm ausstrahlen – das war ungewohnt. Doch auch eine sorgsame Verteilung der Drogenfilme über die drei Programme konnte kaum vermeiden, was bei dieser Intensivmassage eingetreten ist: die Mobilmachung sämtlicher Abwehrkräfte, Überdruß und Aggression.

Nachdem Herbert Reinecker seinen Kommissar am Freitag, dem 1. Oktober, auf die Rauschgiftjagd geschickt hatte, liefen in der darauffolgenden Woche: zwei amerikanische Spielfilme ("Giftiger Schnee", Montag, 4. Oktober, ZDF; "Die Süchtigen", Samstag, 9. Oktober, ARD), zwei Filme über die therapeutischen Behandlungszentren für Drogensüchtige und die ambulanten Drogenberatungsstellen in der Bundesrepublik und in Dänemark ("Drogenmißbrauch – Krankheit oder Symptom", Mittwoch, 6. Oktober, NDR III; "Führt ein Weg zurück?", Wolfgang Ebert beobachtet Therapieversuche mit Drogenabhängigen, Freitag, 8. Oktober, ZDF), und ein harter, realistischer Dokumentarfilm direkt von der Drogen-Szene San Francisco, von ehemaligen Rauschgiftsüchtigen über Rauschgiftsüchtige gedreht ("5 Minuten vor 12 – umkehren oder weitermachen?", Sonntag, 10. Oktober, NDR III).

Ein in der Tat umfangreiches Programm. Besonders taten sich die beiden Sendungen im III. Programm des NDR hervor. Wolfgang Ebert hat aufgedeckt, was vielen unbequem ist: "Sucht ist eine Krankheit. Wir müssen nicht nur ihre Symptome erkennen, sondern auch ihre Konflikte zu lösen versuchen."

Die Spielfilme hatten bei aller Realistik immer wieder die Tendenz, die Problematik in ein melodramatisches Epos zu verwandeln und den Zuschauer mit seinen Emotionen, nicht sehr aufgeklärt, zurückzulassen.

Das Versäumnis von zwei Jahren Aufklärung läßt sich freilich nicht in einer Woche auf dem Fernsehschirm nachholen. Die Fernsehanstalten sollten in Zukunft etwas vorsichtiger mit der Dosierung umgehen. Gewiß wollten sie der bundesweiten Schwerpunktaktion der Kriminalpolizei zur Bekämpfung der Rauschmittelsucht, die in der gleichen Woche ausgetragen wurde, einen guten Dienst erweisen. Aber bei einer Überdosis kann es leicht passieren, daß das Fernsehpublikum ausflippt. Christiane Günter