Die Wahlen für die Bremer Bürgerschaft endeten am Sonntagabend mit einer großen Überraschung: Die Sozialdemokraten unter Führung Bürgermeister Koschnicks eroberten nicht nur die 1967 verlorene absolute Mehrheit zurück, ihr Stimmenzuwachs um mehr als neun Prozent überwog auch den der CDU bei weitem (zwei Prozent). Die FDP, die im Mai dieses Jahres die Koalition mit der SPD wegen der Hochschulpolitik aufgekündigt hatte, verlor über zwei Prozent. NPD und DKP blieben deutlich unter der Fünf-Prozent-Grenze und erreichten damit kein Mandat.

Allein bei der SPD herrschte nach Bekanntwerden des Ergebnisses Siegesstimmung. Sprecher der CDU zeigten sich trotz des leichten Stimmengewinnes enttäuscht. Sie hatten gehofft, nahe an vierzig Prozent heranzukommen und damit die Erfolge der Unionsparteien bei den übrigen Landtagswahlen seit der Bundestagswahl von 1969 fortzusetzen. Für die SPD war der Erfolg in Bremen der erste große Wahlsieg nach den Bundestagswahlen.

Führende Politiker von SPD und FDP in Bonn sprachen sich noch am Sonntagabend für Koalitionsverhandlungen beider Parteien aus. Der Landesvorstand der FDP nahm am Dienstag eine entsprechende Einladung der SPD an.

Der Spitzenkandidat der FDP, der frühere Hafensenator Bortscheller, hat allerdings die Konsequenzen aus der Wahl gezogen: Er will in einer möglichen SPD/FDP-Regierung kein Amt übernehmen. Die Mehrheit der SPD sei zu groß. Außerdem habe er im Wahlkampf zur Universitätspolitik eine Haltung vertreten, die sich von der der SPD unterscheide und zu der er stehe.

SPD und CDU interpretierten den Wahlausgang unterschiedlich. Nach Ansicht der Sozialdemokraten haben bei der Wählerentscheidung sowohl regionale wie bundespolitische Faktoren eine Rolle gespielt. Das Wahlergebnis sei ein Erfolg des Senats unter Koschnick und der Bundesregierung.

Im SPD-Pressedienst hieß es, die starke Betonung bundespolitischer Fragen habe der CDU eher geschadet. Die CDU/CSU hatte ihre gesamte Bundesprominenz vor der Wahl nach Bremen geschickt. Der FDP-Pressedienst betonte die Tatsache, daß die CDU zum erstenmal im Vergleich zur Bundestagswahl von 1969 Stimmen eingebüßt hat.

Die CDU wertete dagegen den Wahlausgang als einen persönlichen Erfolg Bürgermeister Koschnicks und bestreitet, daß bundespolitische Aspekte eine größere Rolle gespielt hätten.

Positiv wurde von allen drei Parteien beurteilt, daß NPD und DKP keinen Sitz in der Bürgerschaft erreicht haben. Die Kommunisten hatten für den Wahlkampf nach sozialdemokratischen Angaben mehr Geld ausgegeben als alle anderen Parteien zusammen.