Ohne einen Schuß endete vergangenen Samstag die Minirevolte argentinischer Offiziere gegen die Regierung Präsident Lanusses. Hinter den putschenden Obristen aus den Garnisonsstädten Azul und Olavarria standen knapp 1100 Mann der 5. Panzerbrigade; General Lanusse, zugleich Oberbefehlshaber des Heeres, setzte gegen sie etwa 10 000 Infanteristen mit Panzern und Geschützen aus der Hauptstadt Buenos Aires in Bewegung. Angesichts dieser Übermacht gingen die Obristen auf ein Vermittlungsangebot des Präsidenten ein. Nach 18 Stunden war der Aufstand zusammengebrochen; die Regierungstruppen besetzten kampflos die beiden Städte.

Zu Beginn der Woche waren 65 Offiziere verhaftet, unter ihnen auch Expräsident Levingston, der erst im März des Jahres von Lanusse abgesetzt worden war. Gerüchte in Buenos Aires besagen, der Präsident habe von dem Putschversuch gewußt, aber abgewartet, wieviel Einheiten sich auf die Seite der Aufrührer schlagen würden. Die Obristen hatten in ihren pausenlosen Aufrufen gegen die Regierung behauptet, sechs weitere Garnisonen hätten sich dem Aufstand angeschlossen. Aber schon in der Nacht zum Samstag waren diese bataillonsweise in das Regierungslager übergegangen. Die Öffentlichkeit verurteilte den Putsch.

Lanusse kündigte zwar eine harte Bestrafung der Schuldigen an, demonstrierte aber sonst Gelassenheit. Er will, wie geplant, am Freitag zu seinen Besuchen in Peru und Chile abfliegen. Beobachter freilich meinen, daß in Azul und Olavarria nur die Spitze eines Eisberges sichtbar wurde; die Opposition reiche tiefer und sei wohl auch stärker, als Lanusse zugeben wolle.

Die putschenden Offiziere wendeten sich gegen die Absicht der Regierung, im März 1973 freie Wahlen abzuhalten und zu diesem Zweck gegenüber den Peronisten einen versöhnlicheren Kurs einzuschlagen. Lanusse vertritt die wohl richtige Auffassung, daß ohne irgend eine Integration der Peronisten der Übergang zu demokratischen und stabilen Verhältnissen ausgeschlossen bleibt, selbst unter dem stillen Vorbehalt, daß die Armee nach dem März 1973 immer Wieder eingreifen könne.

Nicht alle Militärs teilen diese Ansicht. Nur drei Tage vor dem Putsch waren der Generalstabschef der Marine und vier weitere Admiräle in den vorzeitigen Ruhestand versetzt worden. Sieben hohe Marineoffiziere traten aus Protest gegen diese Maßnahme ihres Oberkommandierenden, Admiral Gnavi, zurück. Gnavi, Mitglied der dreiköpfigen Junta, hatte "politische Gründe" für seine Entscheidung angeführt. Es ist bekannt, daß die Marine, die 1955 beim Sturz Perons eine maßgebliche Rolle spielte, starke antiperonistische Gefühle hegt. Ihr politischer Einfluß ist allerdings in den letzten Jahren geschwunden, weil sich Gnavi, wie seine Kritiker behaupten, vor Lanusse duckt. Gnavi wird nun Ende des Jahres zurück treten. In den letzten Monaten waren Vorwürfe gegen ihn laut geworden, daß er Amt und lukrative Privatgeschäfte miteinander verquickt habe.