Von Dieter E. Zimmer

Man könnte sie die mikroskopische Literatur nennen: jene Literatur, die keinen Anspruch auf Breite und Ausgewogenheit erhebt, sondern ganz im Gegenteil bestimmte Teilwahrheiten isoliert, verabsolutiert, vergrößert bis zur Überdeutlichkeit. Es ist eine extreme und monomanische Literatur; leben läßt es sich nicht gut in ihren grellen Illuminationen. Das Leben als Geplapper angesichts der Katastrophe (Beckett); die Diktatur der Sprache (Handke und andere); Konversation als Geröll in einem vorbewußten Katarakt (Sarraute); die bürgerliche Ordnung als feindliche Kumpanei von Mördern und Gaunern (Bond) – im Bewußtsein ihrer absoluten Gültigkeit könnten selbst die Autoren dieser radikalen Visionen nicht länger schreiben, reden, leben. So haftet diesen Werken etwas eigentümlich Schwebendes an: Der Leser erkennt in ihnen, vielleicht zum erstenmal, betroffen Diagnosen eines allgemeinen Krankheitszustandes; aber da es sich offensichtlich um partielle Diagnosen handelt, ist er der Notwendigkeit der Konsequenz enthoben. Was keinen Ausweg in die Alltäglichkeit des Lebens zu lassen scheint, kann so doch noch zu einem Gegenstand der Lust werden: der Erkenntnislust – das Erkannte ist zwar wahr, aber da es nur ein Teil des mutmaßlichen Ganzen ist, ist es nicht existenzbedrohend wahr.

Alain Robbe-Grillets Parzelle im Areal dieser mikroskopischen Literatur hieß zunächst: die in ihrer Vertrautheit selbstverständliche Welt der Dinge, ihrer Formen, Farben und Oberflächen durch eine bis dahin in ihrer Insistenz und Genauigkeit unerhörte Beschreibungsmanie in den Stand der Fremdheit zurückzuversetzen. Dann wurde klar, daß hier zwar Fabel und Figuren des realistischen Romans eliminiert waren, keineswegs aber "der Mensch". Dieser fand sich nur quasi neben den Roman versetzt; Haus, Straße und Bananenplantage der "Jalousie" verdankten ihre Fremdheit nicht dem objektiven Blick eines fiktiven Nicht-Menschen, sondern im Gegenteil dem extrem subjektiven Blick eines (von der Eifersucht) Besessenen – sie waren sozusagen das Inventar seiner Obsession. Und indem Robbe-Grillet nicht einfach, wie einmal prophezeit wurde, die Beschreibungswut steigerte (immer weniger Gegenstände, aber diese immer genauer), sondern sich zum stilisierenden Registrator kollektiver Obsessionen machte, verriet er nicht etwa seine Anfänge, sondern schritt durchaus konsequent fort.

Drei Dinge vor allem waren es, scheint mir, die seine Leser nicht nur ratlos machten, sondern geradezu gegen ihn aufbrachten.

Erstens waren seine Bücher sozusagen agnostische Bücher: Mit Helden und Handlungen waren explizite Psychologie, Soziologie, Politik, überhaupt alle Spuren allgemeiner Feststellungen über die Welt und den Menschen aus ihnen vertrieben. Es stand nicht mehr drin, was sie besagen sollten – das war höchstens indirekt aus ihren Prämissen zu erschließen.

Zweitens hatte das Literaturgerücht etwas zu eifrig ein paar Pariser Autoren, die sich auf sehr verschiedenartige Weise um nichtkonventionelle, nichtrealistische Romane bemühten, zu einer "Schule" zusammengeschlossen: der des nouveau roman. Zwar war es kaum die Schuld der Autoren, daß man ihre sehr unterschiedlichen Selbstverteidigungsversuche als eine einheitliche und dogmatische Theorie mißverstand; aber als sich dann nicht mehr übersehen ließ, daß hier keine Verschwörung zum Zwecke der Alleinherrschaft eines absolutistischen Romantyps stattgefunden hatte, als sich die Theorien relativierten, ließ man die Autoren entgelten, daß sie das Patentrezept doch nicht gefunden hatten.

Drittens wurden Robbe-Grillets Bücher zusehends unterhaltsamer, ja komischer. Ihr spielerisches Element trat deutlicher zutage, und da nach allgemeiner Ansicht Spaß nichts Seriöses ist, fühlte sich der Typ des verbissenen, asketische Robbe-Grillet-Lesers düpiert.