Von Carl-Christian Kaiser

Daß Paul Wilhelm Wenger an der neuen deutschen Ostpolitik kein gutes Haar lassen, daß er sich bei seinen Formulierungen keinen Zwang antun würde – dies war zu erwarten und, da es an einem in der Sache wie in der Form brillanten Kritiker jener Politik noch immer fehlt, vielleicht sogar zu erhoffen, Aber nach der Lektüre seiner jüngsten Streitschrift

"Die Falle. Deutsche Ost-, Russische Westpolitik"; Seewald Verlag, Stuttgart 1971; 214 S., 19,80 DM

bleibt nichts als Enttäuschung, ja Traurigkeit zurück. Nun gut, Wenger hat das Florett mit dem schweren Säbel vertauscht. Doch ist es unter seinem Niveau, sich von dieser Waffe zu wilder Grobschlächtigkeit verführen zu lassen. Wenger hat seinen Hang zu Kapriolen – und die Bewunderung dafür – immer sorgsam kultiviert? Diesmal aber hat er sich überschlagen.

Schon die Einleitung mutet eher komisch an: Die Devise der Regierung, daß 25 Jahre nach; Kriegsende versucht werden solle, das Verhältnis zum Osten zu regeln, verkürzt Wenger auf die Formel "25 Jahre sind genug!" – eine absichtsvolle Verkürzung, weil sie unterschwellig den Eindruck, weckt, als sei Bonn die ostpolitischen Probleme endgültig leid und deshalb willens, sie um nahezu jeden Preis aus der Welt zu schaffen.

Mit dieser polemischen, wenn nicht schrecklichen Vereinfachung eröffnet Wenger, um in seinem Vokabular zu bleiben, eine Art psychedelisches Grusical, das den naiven Leser nur das Fürchten lehren kann und soll. Denn jene, von ihm selbst verkürzte Formel von den 25 Jahren gilt ihm als "psychopolitische Droge" mit "dreifacher Wirkrichtung: Entlastungsgefühl für die Jungen, Jugendgefühl für die Alten und – für beide Gruppen – Verdrängung der sowjetischen Hegemoniegefahr". Für die Jungen, so Wenger weiter, sei sie "als Opiat gedacht, wenn nicht gar als politisches Hasch-Präparat". Sie solle den Jungwählern suggerieren, daß ihnen die Regierung den Ballast der Väter und Großväter abnehme und den Weg in eine bessere Zukunft freimache.

Wengers Grusical gipfelt in dem Satz: "Wer unter den Alten wenigstens als ‚geistig jung‘ gelten will, liegt für den radikal-biologischen Jugendlook richtig, wenn er sich mit der 25-Jahre-Droge ostpolitisch-progressiv garniert." In der politischen Literatur wird diese Sentenz, wenn man ihr denn überhaupt literarische Qualitäten zuerkennen will, gewiß auf lange Zeit ein einsamer Tiefpunkt bleiben.