Mannheim

Die Analyse zur Bremer Wahl wurde im Rechenzentrum der Universität Mannheim von einem Team durchgeführt, das schon seit Jahren Wahl-Hochrechnungen für das ZDF erstellt und sich um Professor Wildenmann gebildet hat. Vorwahldaten und sozialstrukturelle Merkmale, dem Computer eingefüttert, gaben schon am Wahlabend Aufschluß darüber, welche Partei von welcher gewonnen oder an welche Partei verloren hat, wo es Veränderungen in der Wählerstruktur gab und welche Faktoren die Wahl entschieden haben.

Wie war ein so hoher SPD-Sieg möglich? Aus langjähriger Beobachtung von Wählerverhalten weiß man, daß jene Gruppen, aus denen die Parteien von jeher ihre Stammwähler gewinnen, nur selten ihre Einstellung zur Partei ändern. Zwei Momente waren für die Sozialdemokraten entscheidend: Zum einen die höhere Wahlbeteiligung (die höchste in einer Bremer Bürgerschaftswahl seit 1955) und zum anderen die Wahlentscheidung der elf Prozent Jungwähler, die in Bremen über dem Bundesdurchschnitt liegen.

Der SPD gelang es, in Gebieten, in denen sie bisher weit unterdurchschnittlich vertreten war, Wählerreserven zu mobilisieren. Bei einem Anstieg der Wahlbeteiligung in diesen Ortsteilen bis zu 14 Prozent erzielte die SPD Gewinne hier bis zu 12 Prozent. Die CDU hingegen konnte vom Anstieg der Wahlbeteiligung nicht profitieren. Das gilt auch für die übrigen Parteien; die FDP hat sogar dort überdurchschnittlich abgenommen, wo die Wahlbeteiligung überdurchschnittlich gestiegen ist.

Aus Untersuchungen der repräsentativen Wahlstatistiken der Bundesländer zu vorherigen Landtagswahlen geht hervor, daß insbesondere zwei Parteien sich der Gunst der jungen Wähler erfreuen konnten: die SPD und die FDP. In Bremen gilt das nur noch, und zwar sehr deutlich, für die SPD. In Gebieten mit überdurchschnittlichem Jungwähleranteil lag der Anteil der SPD um sechs Prozent über dem Landesergebnis der Partei. Die Wahlentscheidung der 18- bis 21jährigen für die SPD trat noch deutlicher hervor als die der 21- bis 25jährigen. Die FDP, bei anderen Landtagswahlen noch attraktiv für Jungwähler, war in Bremen von den Jungwählern nicht gefragt. Das mag einmal daran liegen, daß die FDP in Bremen im Gegensatz zu den beiden großen Parteien im Wahlkampf und bei der Kandidatenauswahl kein jugendliches Image zeigte, andererseits vielleicht auch an ihrer konservativen Hochschulpolitik. Die DKP, die ihren Wahlkampf sehr stark auf junge Wähler ausgerichtet hatte, war nur wenig überdurchschnittlich erfolgreich, wo Jungwähler besonders stark vertreten waren.

Die Analyse der Wahlergebnisse nach Altersstruktur ergibt die bereits bekannte Erscheinung, daß bei hohem Anteil von älteren Wählern (über sechzig Jahre) die CDU überdurchschnittlich gut abschneidet und die Verluste der FDP geringer sind, während die SPD etwa fünf Prozent unter ihrem Landesergebnis bleibt. In den Bremer Neubaugebieten mit hohem Anteil an jungen Familien und relativ vielen Kindern lag der Stimmenanteil der SPD um fünf Prozent über dem Durchschnitt.

Wahldaten, nach anderen sozialstrukturellen Merkmalen (Bildung, Beruf, Lebensstandard) überprüft, ergaben das bekannte Muster: Die SPD hat in Arbeitervierteln, die CDU in den bürgerlichen Wohnvierteln ihre Hochburgen, wo sie in Bremen bisher immer mit der FDP konkurieren mußte. Allerdings ist der SPD, wie schon bei der Bundestagswahl 1969, erneut ein deutlicher Einbruch in mittelständische Gebiete gelungen.

Beim Stimmenaustausch zwischen den Parteien profitierte die SPD. Sie gewann einen erheblichen Anteil früherer FDP-Wähler sowie einen kleineren Teil ehemaliger NPD-Wähler. Auch beim Austausch zwischen den beiden großen Parteien war die SPD der Gewinner. Doch konnte die CDU ihre Verluste an die SPD durch einen erheblichen Anteil früherer NPD-Wähler wettmachen. Die NPD ist der klare Verlierer der Wahl. Sie konnte lediglich in einigen ländlichen Randgebieten ihre Stammwähler halten.