Von Hermann Graml

Jacques Benoist-Méchin: "Wollte Adolf Hitler den Krieg? Das Jahr 1939 – Generalprobe der Gewalt"; Verlag K. W. Schütz, Preußisch Oldendorf 1971; 544 Seiten, 16 Bildseiten, 24,80 DM

Es fällt schwer, auf das Buch, das J. Benoist-Méchin zur unmittelbaren Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges geschrieben hat, nicht einfach emotional zu reagieren: erst mit ungläubigem Staunen, dann mit Empörung. Daß der hierzulande nicht unbekannte Autor auf die im Titel gestellte Frage "Wollte Adolf Hitler den Krieg?" an Ende die Antwort gibt, der Führer habe 1939 weder einen militärischen Konflikt mit den Westmächten noch den Krieg gegen Polen gewollt, ist freilich nicht weiter verwunderlich, handelt es sich doch bei dem französischen Publizisten um einen Mann, der stets zwischen einem noch konservativ grundierten Nationalismus und einem puren Faschismus stand; deshalb hat er ja auch dem Vichy-Regime des Marschalls Pétain – und damit indirekt Hitler – nicht aus attentistischen Motiven, sondern aus Überzeugung gedient.

Wenn aber Autor und Verlag etwaigen Lesern weiszumachen versuchen, ihr Bild vom provozierten Hitler – ein im Grunde friedlicher aber nervöser Löwe, der von Polen und Briten auf manchmal törichte, manchmal kalkulierte Weise zum Sprung gereizt wird – sei das Ergebnis ernsthafter wissenschaftlicher Arbeit, wenn sie eine montierte Reportage als historisch exakte Darstellung ausgeben, die auf "souveräner Sachkenntnis" und "umfassender Quellenbeherrschung" beruhe – so sind das Praktiken, die als – unverschämte Dreistigkeit zu charakterisieren noch zurückhaltend ist.

Bei der Behandlung der Quellen und der Literatur verfährt Benoist-Méchin allerdings anders als der Amerikaner David L. Hoggan, der zwar viele Quellen verfälscht wiedergegeben und viele Bücher offensichtlich nicht verstanden, der aber zweifellos viele Dokumente und viele wissenschaftliche Werke tatsächlich gelesen hat. Benoist-Méchin dispensierte sich von solcher Mühsal und übte angesichts der in der Tat einschüchternden Stapel von Dokumenten, die mit seiner Version des Geschehens ohnehin nicht zu vereinbaren gewesen wären, weise Zurückhaltung. Im allgemeinen genügen ihm etliche sorgsam ausgewählte Stücke aus Band VI oder VII der "Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik" und einige Memoiren, wobei er sich von dem Prinzip leiten läßt, daß die Spitzenleistungen nationalsozialistischer Apologetik, also zum Beispiel die Produkte des Herrn Sündermann, des Prinzen, zu Schaumburg-Lippe oder der Frau von Ribbentrop, besonderes Vertrauen verdienen. Zitiert er doch einmal eines jener zahllosen Dokumente, die für seine These tödlich sind, etwa die Rede, die Hitler am 22. August 1939 vor den Generälen hielt, dann bietet er eine Fassung, die so sorgfältig von allen störenden Elementen gereinigt ist, daß sie vom Autor geradezu als Beleg für seine Sache offeriert werden kann.

Gewiß benutzt auch Benoist-Méchin gelegentlich die Arbeiten anderer Zeithistoriker. Äußert er sich zu Fragen der nationalsozialistischen Judenpolitik, so stützt er sich beispielsweise auf die Forschungen Erich Kerns, dessen Sachkenntnis und Zuverlässigkeit schon daraus erhellen, daß er als Propagandist im Dritten Reich tätig war, der SS angehörte und in germanischer Überzeugungstreue bis zum heutigen Tage zu den Idealen seiner Jugend steht.

Gilt es, die deutschfeindlichen Machenschaften Sir Robert Vansittarts anzuprangern, so fällt es Benoist-Méchin nicht ein, die hetzerischen Weisungen, die jene graue Eminenz des Foreign Office vertraulich der britischen Presse erteilte, seinen Lesern nur deshalb vorzuenthalten, weil sie ihm selbst bei seinen Quellenstudien entgangen sind; er ist in einem solchen Falle durchaus bereit, die Funde eines zeitnahen Gelehrten wie Norbert Tönnies zu berücksichtigen, der sein Buch "Der Krieg vor dem Kriege" 1940 in Essen veröffentlichte.