...zum Zwecke der Massenverblödung

Von Wolf Donner

Die exakte Kalkulation eines Massenartikels beginnt mit dem Namen. Die Titel der opulenten Werke von Johannes Mario Simmel, der ein Abonnement auf Bestseller hat (Startauflage seines neuen Buches: 100 000), haben so wenig wie die Überschriften der einzelnen Abschnitte etwas mit dem Inhalt zu tun, aber sie sind eingängige Formeln, die jeweils ein oder zwei Reizworte umranken: "Es muß nicht immer Kaviar sein", "Liebe ist nur ein Wort", "Gott schützt die Liebenden", "Lieb Vaterland magst ruhig sein", "Alle Menschen werden Brüder", "Und Jimmy ging zum Regenbogen". Eben nicht Lux, sondern Peter Stuyvesant, das prägt sich ein.

Und nun also –

Johannes Mario Simmel: "Der Stoff aus dem die Träume sind", Roman; Verlag Droemer Knaur, München; 720 S., 28,– DM.

Gemeint sind jene Träume, mit denen die Illustrierten ihre Leser beliefern. Der Ich-Erzähler, Walter Roland, der sich ständig als "Ass" seiner Branche deklariert, ist Star-Reporter beim "Blitz", den man sich als eine Mischung von "Stern" und "Quick" vorstellen muß. Bei Recherchen in einem Lager für ausländische Flüchtlingskinder wird Roland in eine Spionageaktion verwickelt und bereitet eine sensationelle Reportage vor, deren Erscheinen aber im letzten Augenblick verhindert wird.

Die Elemente der Welt des J. M. S. sind bekannt und werden hier ein weiteres Mal ausgebreitet: aktuelle politische Ereignisse (Prager Herbst, sozialdemokratische Koalition) und authentische Schauplätze (Frankfurt, Hamburg, Bremen, New York) als Staffage, Sex, Liebe, Spionage, ein paar Morde, Allgemein-Menschliches, Rühriges und Sentimentales, Huren und Zuhälter, Luxushotels, ein bißchen Jet-Set, lauter komische Zufälle und viel, viel Luft dazwischen. Simmel trimmt Seiten, beschreibt wieder lange Autofahrten und setzt ganze Stadtpläne in Prosa um, vieles erzählt er dreimal, alles ist lang und langatmig. Unter 600 Seiten tut er es nie.

Mit der Journaille ist Simmel bei seinem Thema an sich. Nicht daß es ihm plötzlich gelänge, ein Milieu, einen Berufstypus plastisch und plausibel zu schildern: trotz langer Nachholkurse über das Zeitschriftengewerbe und sarkastischer Weisheiten über die "Träume-Verkäufer", die in "diesem Schweinestall, in dieser durch und durch verlogenen ‚Traumfabrik‘ zum Zweck der Massenverblödung" arbeiten, gelingt es dem Autor noch immer, die abgegriffensten Klischees zusammenzutragen, prägen sich bei ihm Figuren nur ein, wenn sie zu unglaubwürdigen Karikaturen aufgebläht werden, handeln die übrigen nie der Logik oder ihrer behaupteten Psyche entsprechend, sondern einzig nach dem Diktat der Situation. Thema an sich heißt vielmehr, daß Simmel, indem er das Illustriertengeschäft und einen Reporter zu porträtieren versucht, mehr über sich selber verrät, als er wohl vorhatte und ihm lieb sein kann.

...zum Zwecke der Massenverblödung

"Wir verblöden dieses arme Volk systematisch"‚ bekennt da etwa sein Star-Schreiber Roland, und dessen Chef führt aus: "Wir erklären die unwiderruflich komplizierte Welt in gräßlicher Simplifikation. Das sind die Träume, die wir verkaufen. Wir verkaufen dem einfachen Mann‘ und der einfachen Frau‘ andauernde Flucht aus der Wirklichkeit." Hat Simmel je etwas anderes getan? Ist es nicht immer sein erklärtes Ziel gewesen, kleinen Leuten mundgerecht zu bieten, was sie interessiere, aufrege, bedrücke, ängstige, freue?

Und spekuliert J. M. S. nicht auf die Zustimmung dieser Zielgruppe, wenn er zum Beispiel einen Homosexuellen "der Schwule" oder "du Tunte" nennen läßt oder wenn ein junger Assistenzarzt mit demokratischen Vorstellungen als eitler Spinner erscheint – auch oder gerade, weil sich der Autor gegen das jeweilige Vorurteil scheinbar absichert ("Nicht daß ich was gegen Schwule hätte"; "Ich habe weiß Gott nichts gegen lange Haare und Bärte und neue Ideen. Aber...")?

Es fällt nicht sehr schwer, in Walter Roland ein Wunschbild, ein kaschiertes oder ein unfreiwillig dazu gewordenes Selbstporträt Simmels zu entdecken. Immerhin war er selber jahrelang Illustriertenreporter, unter anderem für "Quick". Roland ist ein rechter Widerling, arrogant, zynisch, versnobt, Weiberheld. "Zuviel Arbeit, zu viele Weiber, zu viele Zigaretten, zuviel Suff." Er wohnt in einem Luxus-Penthaus, fährt einen weißen Lamborghini 400 GT, trinkt nur Chivas Regal und gibt auf jeder dritten Seite "ein viel zu großes Trinkgeld". Für seinen Job hat er nur Verachtung: "Mensch, konnte man Geld verdienen mit dieser Scheiße! Mensch, stieß sich der Verleger vielleicht gesund!"

Rolands einziger Trost: daß er noch weit besser ist "als das ganze andere Schreiber-Gesocks", die "Flaschen", das "Kroppzeug", aus dem er schon herausragt, weil er "ein Gespür hatte für Dinge und Menschen". Das befähigt ihn zu seinen allwöchentlichen Aufklärungsserien – für Simmel der (durch Rolands angeblichen Ekel vor solchem Tun bestens motivierte) Anlaß zu Pornographie, Recherchen bei Huren, Herstellung von Titelbildern mit erigiertem Penis und so weiter.

Dennoch wird uns dieser Held auf Teufel komm raus sympathisch gemacht, zumal er sich dem Leser permanent anbiedert: "So einen edlen Charakter habe ich, sehen Sie?" Diese Taschenspieler-Tricks liebt Simmel. Durch naive Frontal-Offensiven glaubt er dem skeptischen Leser unterjubeln zu können, was wohl sogar ihm zu grobschlächtig oder zu simpel geraten erscheint. "Vielleicht werden Sie glauben, daß ich hier übertreibe, Menschen zu Karikaturen verzerre", heißt es einmal. "Das tue ich nicht. Genauso war es. Genauso." Als glaubten wir ihm nun, als blieben durch solche Versicherungen das Verlegerpaar und der Chefredakteur, um die es geht, nicht länger peinliche Knallchargen und Roland ein widerlicher Typ. Als vergesse man Simmels eigenes Patentrezept, wenn er seinen berufsmüden Ich-Erzähler die billige Illustriertenmasche geißeln läßt: "Kleine Kinder und kleine Tiere, nackte Mädchen und Bilder von Unglücksfällen, so gräßlich wie möglich, das wollen die Leute sehen! Was sie geil macht. Was sie rührt, Sex appeal. Human appeal."

Was sie geil macht: Roland mit zwei Mädchen im Bett. "Ich schaffte sie, schaffte sie alle beide, so sehr, daß sie zuletzt jammerten, ich solle aufhören, sie könnten nicht mehr. Dabei war ich besoffen wie sie."

Was sie rührt: Roland erleidet Unrecht, Armut und den Branchen-Rufmord, besteht heroisch eine Entziehungskur und erlebt die große Liebe. "Einmal, als ich mich verströmte, hatte ich das Gefühl zu sterben." Zur bestandenen Kur ruft die Geliebte: "Danke, danke, danke... Nur danke. Ich fragte sie nicht, wem sie dankte. Ich dankte Ihm auch." Roland versichert, er sei nun "anständig geworden".

...zum Zwecke der Massenverblödung

Diese mehr als unglaubwürdige Kehrtwendung zum Seelenschmalz am Schluß gehört zu einem unabdingbaren Bestandteil jedes Simmel-Romans: Rührung, Gefühlskitsch und die wundersamen Wege des Schicksals. Sendbote dieses Bereichs ist das alte Fräulein Gottschalk, seit über vierzig Jahren Kinderwärterin, die einzige etwas abgerundete Figur des Buches. Sie ist übrigens geisteskrank, hat Halluzinationen, und die geistern, auch personifiziert, durch die üppige Handlung und erscheinen den übrigen Figuren als Wahnbilder, Irre, Übersinnliches und Parapsychisches. Diese Erscheinungen, ein Vorspruch von Paddy Chayefsky und wiederholte Anrufe vom Cheftexter aus Frankfurt gemahnen denn auch eindringlich zum Glauben an das Unbekannte und Phantastische. Simmel hat es erkannt: "Heute gibt es wieder die Sehnsucht nach dem Wunderbaren."

Und mit diesen Phantasmagorien hält er den Leser noch am ehesten fest; sein übliches Verfahren, Spannung zu erzeugen, ist längst zur faden Marotte geworden. Die mehrgleisige Handlungsführung und die Verschachtelung paralleler Szenen bewirken nichts als Verwirrung, und der Trick, nie zuviel zu verraten und in allen Handlungssträngen offene Felder zu lassen (um sich nicht selber zu verheddern, malt sie sich J. M. S. immer vorher mit Buntstiften auf Packpapier), macht das Leben zum Rätselratespiel.

Simmel reagiert verbittert, wenn man ihn "Beststeller-Mechaniker" oder "Illustriertenroman-Schreiber" nennt, aber beides trifft zu. Zu vordergründig kopiert seine Erzähltechnik jene Imponier-Schreibe, die in Illustriertenserien und -romanen das Interesse jeweils bis zur nächsten Fortsetzung wachhalten muß. Die meisten Kapitel beginnen und enden mit Gags und Überraschungseffekten, springen in eine Szene oder bringen eine verschlüsselte Nachricht, deren Hintergründe und Bezugsrahmen später umständlich nachgetragen werden müssen.

Die permanente Verrätselung und Zersplitterung der Chronologie und zum Verständnis notwendiger Zusammenhänge veranlassen Simmel, dauernd linkische Rechtfertigungen und Nahtstellen einzubauen, um die Anschlüsse herzustellen, die Perspektive zurechtzurücken und seine kühnen Erzähl-Kapriolen und -Eskapaden wieder einzuholen: "Was ich jetzt schreibe, fügt sich nicht chronologisch in den Gang der Handlung ein, wie Sie sehen. Ich finde aber keinen anderen Weg."

Auch Simmels Lieblingsthema, Spionage, Geheimdienste, eine harte Krimihandlung, gerät ihm noch immer laienhaft. Die Konstellation ist wie im "Jimmy": Die Agenten der Weltmächte liegen im komplizierten Dauerclinch und zerstören die Amateure, die der Zufall in ihre Netze treibt und deren Laienperspektive die des Autors rechtfertigt. Immer tauchen rechtzeitig Freunde und Helfer auf, wenn es brenzlig wird; dauernd erzählen Randfiguren, die zufällig etwas mitgekriegt haben, den Figuren der Handlung, was sie wissen müssen, damit es weitergeht; ständig waltet das gütige Schriftsteller-Schicksal mit der Devise: Wie das Leben so spielt, führt immer an der rechten Stelle unter fadenscheinigen Umständen die richtigen Leute zusammen, reduziert nachsichtig ganze Erdteile einzig nach dem Gesetz von Simmels Packpapier-Systemen zu ein paar zusammenhängenden Personengruppen und läßt schließlich, damit auch flüchtige Leser die gewünschte Stimmung mitbekommen, immer im richtigen Augenblick die richtige Musik ertönen – zum Beispiel "diese wunderbare ‚Patetique‘ mit ihrem dunklen Moll-Charakter und der östlichen Mystik ewigen Leidens, in die immer wieder die süßen Kantilenen westlichen Sentiments einbrechen", wenn das leidgeprüfte Flüchtlingsmädchen aus dem Osten und der anständig gewordene Journalist aus dem Westen zum erstenmal einander tief in die Augen blicken, oder "Stranger in the Night", wenn Vater und Sohn nachts aus der ČSSR flüchten. O sancin simplicitas.