"Wir verblöden dieses arme Volk systematisch"‚ bekennt da etwa sein Star-Schreiber Roland, und dessen Chef führt aus: "Wir erklären die unwiderruflich komplizierte Welt in gräßlicher Simplifikation. Das sind die Träume, die wir verkaufen. Wir verkaufen dem einfachen Mann‘ und der einfachen Frau‘ andauernde Flucht aus der Wirklichkeit." Hat Simmel je etwas anderes getan? Ist es nicht immer sein erklärtes Ziel gewesen, kleinen Leuten mundgerecht zu bieten, was sie interessiere, aufrege, bedrücke, ängstige, freue?

Und spekuliert J. M. S. nicht auf die Zustimmung dieser Zielgruppe, wenn er zum Beispiel einen Homosexuellen "der Schwule" oder "du Tunte" nennen läßt oder wenn ein junger Assistenzarzt mit demokratischen Vorstellungen als eitler Spinner erscheint – auch oder gerade, weil sich der Autor gegen das jeweilige Vorurteil scheinbar absichert ("Nicht daß ich was gegen Schwule hätte"; "Ich habe weiß Gott nichts gegen lange Haare und Bärte und neue Ideen. Aber...")?

Es fällt nicht sehr schwer, in Walter Roland ein Wunschbild, ein kaschiertes oder ein unfreiwillig dazu gewordenes Selbstporträt Simmels zu entdecken. Immerhin war er selber jahrelang Illustriertenreporter, unter anderem für "Quick". Roland ist ein rechter Widerling, arrogant, zynisch, versnobt, Weiberheld. "Zuviel Arbeit, zu viele Weiber, zu viele Zigaretten, zuviel Suff." Er wohnt in einem Luxus-Penthaus, fährt einen weißen Lamborghini 400 GT, trinkt nur Chivas Regal und gibt auf jeder dritten Seite "ein viel zu großes Trinkgeld". Für seinen Job hat er nur Verachtung: "Mensch, konnte man Geld verdienen mit dieser Scheiße! Mensch, stieß sich der Verleger vielleicht gesund!"

Rolands einziger Trost: daß er noch weit besser ist "als das ganze andere Schreiber-Gesocks", die "Flaschen", das "Kroppzeug", aus dem er schon herausragt, weil er "ein Gespür hatte für Dinge und Menschen". Das befähigt ihn zu seinen allwöchentlichen Aufklärungsserien – für Simmel der (durch Rolands angeblichen Ekel vor solchem Tun bestens motivierte) Anlaß zu Pornographie, Recherchen bei Huren, Herstellung von Titelbildern mit erigiertem Penis und so weiter.

Dennoch wird uns dieser Held auf Teufel komm raus sympathisch gemacht, zumal er sich dem Leser permanent anbiedert: "So einen edlen Charakter habe ich, sehen Sie?" Diese Taschenspieler-Tricks liebt Simmel. Durch naive Frontal-Offensiven glaubt er dem skeptischen Leser unterjubeln zu können, was wohl sogar ihm zu grobschlächtig oder zu simpel geraten erscheint. "Vielleicht werden Sie glauben, daß ich hier übertreibe, Menschen zu Karikaturen verzerre", heißt es einmal. "Das tue ich nicht. Genauso war es. Genauso." Als glaubten wir ihm nun, als blieben durch solche Versicherungen das Verlegerpaar und der Chefredakteur, um die es geht, nicht länger peinliche Knallchargen und Roland ein widerlicher Typ. Als vergesse man Simmels eigenes Patentrezept, wenn er seinen berufsmüden Ich-Erzähler die billige Illustriertenmasche geißeln läßt: "Kleine Kinder und kleine Tiere, nackte Mädchen und Bilder von Unglücksfällen, so gräßlich wie möglich, das wollen die Leute sehen! Was sie geil macht. Was sie rührt, Sex appeal. Human appeal."

Was sie geil macht: Roland mit zwei Mädchen im Bett. "Ich schaffte sie, schaffte sie alle beide, so sehr, daß sie zuletzt jammerten, ich solle aufhören, sie könnten nicht mehr. Dabei war ich besoffen wie sie."

Was sie rührt: Roland erleidet Unrecht, Armut und den Branchen-Rufmord, besteht heroisch eine Entziehungskur und erlebt die große Liebe. "Einmal, als ich mich verströmte, hatte ich das Gefühl zu sterben." Zur bestandenen Kur ruft die Geliebte: "Danke, danke, danke... Nur danke. Ich fragte sie nicht, wem sie dankte. Ich dankte Ihm auch." Roland versichert, er sei nun "anständig geworden".