Diese mehr als unglaubwürdige Kehrtwendung zum Seelenschmalz am Schluß gehört zu einem unabdingbaren Bestandteil jedes Simmel-Romans: Rührung, Gefühlskitsch und die wundersamen Wege des Schicksals. Sendbote dieses Bereichs ist das alte Fräulein Gottschalk, seit über vierzig Jahren Kinderwärterin, die einzige etwas abgerundete Figur des Buches. Sie ist übrigens geisteskrank, hat Halluzinationen, und die geistern, auch personifiziert, durch die üppige Handlung und erscheinen den übrigen Figuren als Wahnbilder, Irre, Übersinnliches und Parapsychisches. Diese Erscheinungen, ein Vorspruch von Paddy Chayefsky und wiederholte Anrufe vom Cheftexter aus Frankfurt gemahnen denn auch eindringlich zum Glauben an das Unbekannte und Phantastische. Simmel hat es erkannt: "Heute gibt es wieder die Sehnsucht nach dem Wunderbaren."

Und mit diesen Phantasmagorien hält er den Leser noch am ehesten fest; sein übliches Verfahren, Spannung zu erzeugen, ist längst zur faden Marotte geworden. Die mehrgleisige Handlungsführung und die Verschachtelung paralleler Szenen bewirken nichts als Verwirrung, und der Trick, nie zuviel zu verraten und in allen Handlungssträngen offene Felder zu lassen (um sich nicht selber zu verheddern, malt sie sich J. M. S. immer vorher mit Buntstiften auf Packpapier), macht das Leben zum Rätselratespiel.

Simmel reagiert verbittert, wenn man ihn "Beststeller-Mechaniker" oder "Illustriertenroman-Schreiber" nennt, aber beides trifft zu. Zu vordergründig kopiert seine Erzähltechnik jene Imponier-Schreibe, die in Illustriertenserien und -romanen das Interesse jeweils bis zur nächsten Fortsetzung wachhalten muß. Die meisten Kapitel beginnen und enden mit Gags und Überraschungseffekten, springen in eine Szene oder bringen eine verschlüsselte Nachricht, deren Hintergründe und Bezugsrahmen später umständlich nachgetragen werden müssen.

Die permanente Verrätselung und Zersplitterung der Chronologie und zum Verständnis notwendiger Zusammenhänge veranlassen Simmel, dauernd linkische Rechtfertigungen und Nahtstellen einzubauen, um die Anschlüsse herzustellen, die Perspektive zurechtzurücken und seine kühnen Erzähl-Kapriolen und -Eskapaden wieder einzuholen: "Was ich jetzt schreibe, fügt sich nicht chronologisch in den Gang der Handlung ein, wie Sie sehen. Ich finde aber keinen anderen Weg."

Auch Simmels Lieblingsthema, Spionage, Geheimdienste, eine harte Krimihandlung, gerät ihm noch immer laienhaft. Die Konstellation ist wie im "Jimmy": Die Agenten der Weltmächte liegen im komplizierten Dauerclinch und zerstören die Amateure, die der Zufall in ihre Netze treibt und deren Laienperspektive die des Autors rechtfertigt. Immer tauchen rechtzeitig Freunde und Helfer auf, wenn es brenzlig wird; dauernd erzählen Randfiguren, die zufällig etwas mitgekriegt haben, den Figuren der Handlung, was sie wissen müssen, damit es weitergeht; ständig waltet das gütige Schriftsteller-Schicksal mit der Devise: Wie das Leben so spielt, führt immer an der rechten Stelle unter fadenscheinigen Umständen die richtigen Leute zusammen, reduziert nachsichtig ganze Erdteile einzig nach dem Gesetz von Simmels Packpapier-Systemen zu ein paar zusammenhängenden Personengruppen und läßt schließlich, damit auch flüchtige Leser die gewünschte Stimmung mitbekommen, immer im richtigen Augenblick die richtige Musik ertönen – zum Beispiel "diese wunderbare ‚Patetique‘ mit ihrem dunklen Moll-Charakter und der östlichen Mystik ewigen Leidens, in die immer wieder die süßen Kantilenen westlichen Sentiments einbrechen", wenn das leidgeprüfte Flüchtlingsmädchen aus dem Osten und der anständig gewordene Journalist aus dem Westen zum erstenmal einander tief in die Augen blicken, oder "Stranger in the Night", wenn Vater und Sohn nachts aus der ČSSR flüchten. O sancin simplicitas.