Eher beiläufig haben die Bonner Schlachtenbummler die Neuigkeit zur Kenntnis genommen, daß Regierungssprecher Conrad Ahlers das Bundestagsmandat des als SPD-Oppositionsführer in den Mainzer Landtag übergewechselten Abgeordneten Wilhelm Droescher übernehmen will. Beiläufig deshalb, weil sie sich zwar den zu überraschenden Absprüngen fähigen ehemaligen Fallschirmjäger Ahlers, nicht aber den Parlamentarier Ahlers vorstellen können. Droescher, der "gute Mensch von Kirn", hatte den rheinland-pfälzischen Wahlkreis vor Jahren gegen starke CDU-Konkurrenz durch penible Bemühungen noch um die letzte Feuerwehrwache erobert. Verständlich erscheint, daß Ahlers auf dem Himmelfahrtsposten des Regierungssprechers allmählich Amtsmüdigkeit zeigt. Hat etwa der Eintritt seines Stellvertreters Rüdiger Freiherr von Wechmar in die FDP – laut Wechmar ein Wechsel vom "freien Mitarbeiter zum festen Angestellten" – damit zu tun? Auch heißt es, man wolle dem designierten FDP-Generalsekretär Karl-Hermann Flach ein Parlamentsmandat verschaffen. Ahlers als Hinterbänkler? Flach als Nebenparlamentarier? "Wie auch immer", freut sich ein Mitglied der Regierungskoalition im voraus, "die werden wir in unserer Mühle ganz schön zurechtschleifen."

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Die Andeutung, Rainer Barzels bisheriger persönlicher Referent Ottfried Hennig sei zum neuen Bundesgeschäftsführer der CDU vorgesehen, klang unglaubwürdig. Denn seine Berufung nach den langen Diskussionen über die angestrebte Eigenständigkeit der Partei mußte jene Befürchtungen bestätigen, daß die Partei unter Barzel vollends zum persönlichen Machtinstrument des Fraktionsvorsitzenden degenerieren werde. Der 34jährige Hennig ist dennoch berufen worden. Er gesellt sich zu Konrad Kraske, dem neuen CDU-Generalsekretär, und Walter Leisler Kiep, dem neuen Schatzmeister, die ebenfalls – wenn auch in abgestuftem Maße – als Anhänger Barzels gelten. Kommentar aus der vom bisherigen Generalsekretär Bruno Heck bestimmten Parteizentrale, der sich mit Barzel nicht verstand: "Da sieht man’s – Barzel, Barzel über alles."

Gelassen, ja erleichtert quittierte die sozialdemokratische Fraktion zunächst den Wechsel ihres Abgeordneten Klaus-Peter Schulz zur CDU. Die Gelassenheit scheint gerechtfertigt, weil Schulz als Berliner Abgeordneter in wichtigen Fragen, so auch bei der Ratifizierung der Ostverträge, kein Stimmrecht hat. Als unsicherer Kantonist hatte er ohnehin schon vielen gegolten, weil er seine Abneigung gegen die Ostverträge nicht verhehlte und mit seiner Meinung über den, wie er fand, zu linken Kurs der Regierung nicht hinter dem Berge hielt. Doch so unberührt die Mehrheitsverhältnisse im Bundestag bleiben mögen – mancher SPD-Abgeordnete fragt sich doch, welche psychologischen Folgen der Übertritt von Schulz haben könnte. "Die Öffentlichkeit", so ein Sozialdemokrat, "muß doch denken, daß unsere Reihen so fest nun auch wieder nicht geschlossen sind."

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Betroffen reagierte der Bundestag auf den Tod des Parlamentarischen Hauptgeschäftsführers der CDU/CSU-Fraktion, Will Rasner, des Dienstältesten in der Gilde der Geschäftsführer. Er ist in der vergangenen Woche, 51 Jahre alt, an Krebs gestorben. Parlamentarier auf diesem Posten sind ebenso einflußreich wie unbeliebt: Keine Fraktion käme ohne ihre Kenntnis der Geschäftsordnungstricks aus, sie handeln von Woche zu Woche das parlamentarische Programm aus, und bei der Debatten-Dramaturgie ziehen sie die Fäden. Aber sie müssen auch, zumal bei den knappen Mehrheitsverhältnissen in diesem Bundestag, ihre Herde zusammenhalten und rechtzeitig vor Gefahren warnen, die von überraschenden Vorstößen. des Gegners drohen. Rasner hat seinen Hang zur Schärfe und zu hämischen Einwürfen nie gezügelt, aber Selbstdisziplin bewies er dort, wo es um seine oft enttäuschten Hoffnungen auf ein Regierungsamt und um seine Funktion als "Chef vom Dienst" der Unions-Fraktion ging. Resigniation hat man bei ihm nie bemerkt, und wenn er in interfraktionellen Absprachen etwas zugesagt hatte, dann konnten sich SPD und FDP darauf verlassen. C.-Chr. Kaiser