Von Peter Demetz

Noch vor zehn Jahren polemisierte Hans Magnus Enzensberger gegen die Zementierungen des Denkens, und die Hoffnung war nahe, Söhne und Enkel würden den Bürden der Älteren entgehen. Aber diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt: Die Zementierung der Ideen schreitet, wie die "Weiße Krankheit" Karel Capeks, auch unter den Jüngeren fort; die Sklerose triumphiert, ohne Ansehen des Lebensalters, in der Isolation der schwärmenden Sektierer; und wenn sich (soll ich sagen: einst?) Streitgespräche über Länder und Kontinente hinweg entfalteten, wird jetzt am provinziellen Orte, wenn nicht auf der Spitze der Nadel gefochten. Unsere intellektuelle Landschaft ist beherrscht vom Zement-Habitat der neuen Draculas, die selbst den Weg ins nächste empirische Dorf scheuen, von belehrenden Überlandpartien ganz zu schweigen.

Zwei Germanisten, die in den Vereinigten Staaten lehren, haben sich (wie es ihnen wohl ansteht) entschlossen, Türen und Fenster dennoch offenzuhalten, die lebendige Kommunikation zu fördern und uns repräsentative Zeugnisse des transatlantischen Literaturlebens zur nützlichen Verfügung zu stellen. Ihre umfangreiche Anthologie

"Moderne amerikanische Literaturtheorien", herausgegeben von Joseph Strelka und Walter Hinderer; S. Fischer Verlag, Frankfurt; 562 S., 38,– DM

erfüllt manchen Wunsch, indem sie dem programmatischen Titel zu unserem Glück untreu wird – die Herausgeber beschränken sich nicht unbedingt auf das Systematische und Theoretische, sondern sammeln persönliche Essays, polemisch schweifende Abhandlungen, praktische Kritik, in welcher sich das Systematische an der einzelnen Frage selber bewährt, ob sie nun Autor, Text, Gesellschaft oder das Unbewußte betrifft.

Joseph Strelka führt den Leser in einem ruhigen und gut geordneten Vorwort in die historische Konstellation der amerikanischen Kritikergruppen seit der Jahrhundertwende ein und informiert uns sachlich über den Konflikt der Neuen Kritiker von anno dazumal (Spingarn) mit den Neuen Humanisten der zwanziger Jahre (Babbitt), die frühen Ansätze der psychoanalytischen und marxistischen Methode (lange vor Deutschland) und die pädagogische Hegemonie der New Critics in den vierziger und fünfziger – Jahren; heute sind ihnen die Symbol- und Mythenfreunde (einschließlich Leslie Fiedlers, des wilden Mannes aus Buffalo) in der Herrschaft gefolgt.

Ich fürchte, ich habe einige Schwierigkeiten mit Walter Hinderers notwendigem Versuch, die 27 Beiträge in einem prüfenden Nachwort zusammenzufassen; ich sympathisiere mit seiner Forderung, jeder Methodenpluralismus müßte über seine Basis nachdenken, aber Hinderer stellt seine Gelehrsamkeit und Intelligenz unter einen chaotischen Zitaten-Scheffel, und indem er seiner Neigung frönt, Roland Barthes, Hans Mayer und Nietzsche in einem einzigen Satz zu zitieren, stürzt er mich aus einer Verwirrung in die andere. Ich wünschte mehr von Walter Hinderer selber als von seiner Lektüre zu hören.