Der Kurszettel deutscher Aktien wird von Jahr zu Jahr kleiner. Immer mehr Unternehmen fallen der Konzentration "zum Opfer", ihre Papiere verschwinden aus den Börsensälen. Das ist bedauerlich, weil jede Börse von der Vielfältigkeit ihrer Anlagemöglichkeiten lebt. Eine große Gruppe von "Kapitalisten" sucht nicht nur eine solide Anlagemöglichkeit, sondern ist bereit, ein höheres Risiko auf sich zu nehmen, wenn gleichzeitig entsprechende Gewinnchancen geboten werden. Leider wird von der Möglichkeit, auch über die Börse risikobereites Grundkapital zu suchen, sehr wenig Gebrauch gemacht.

Nach Gründen dafür braucht niemand lange zu suchen. Die Aktiengesellschaft ist steuerlich betrachtet immer noch die "schlechteste" Unternehmensform. Es werden zwar immer wieder Versuche gemacht, die Aktienfeindlichkeit unserer Steuergesetzgebung zu mildern. Bislang ist dies jedoch bei Deklamationen geblieben.

Das Risikokapital fließt an den Aktien vorbei. Von cleveren Geschäftemachern gelenkt, ist es mehrere Jahre lang in mehr oder weniger dubiose Investment-Unternehmen gestreut worden. Als allzu offenbar wurde, wie leicht bei exotischen Fonds Geld zu verlieren war, wurden die Abschreibungsobjekte "entdeckt", vielfach vertrieben durch die brotlos gewordenen Investment-Vertreter. Was es mit diesen Objekten auf sich hat, meine verehrten Leser, haben wir in der vorigen Ausgabe der ZEIT an dieser Stelle ausführlich erörtert. Halten wir hier nur fest, daß auch auf diesem Felde das große Erwachen beginnt und daß sich diese Objekte immer schwerer an den Steuerzahler herantragen lassen.

Nun hat der Investment-Verkäufer Claus-Peter Offen eine Variante entdeckt, wie sich steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten auch einem breiteren Kreis von Anlegern schmackhaft machen lassen. Er hat vor einigen Monaten zwei Schiffe zu niedrigen Preisen erworben. Davon eines aus dem Stinnes-Konkurs, den Kaufpreis über Kommanditanteile hereingebracht und läßt jetzt die Schiffe unter liberianischer Flagge fahren. Dadurch verbilligen sich die Betriebskosten, wie er sagt, um ein knappes Drittel. Da die Schiffe nur mit Eigenkapital finanziert sind, entfallen Zins- und Tilgungsdienst. Die "billige Flagge" ermöglicht es, trotz der Frachtenflaute auf den Weltmeeren mit Gewinn zu fahren. Offen ist davon überzeugt, daß die Abschreibungen den Kommanditisten als steuerfreie Kapitalrückzahlung zur Verfügung stehen werden.

Seine Erfahrungen mit den beiden Schiffen haben ihn ermutigt, auf diesem Weg weiterzugehen. Er hat die SeeBAG – Seeschiffahrtsbeteiligungs-AG, Hamburg, gegründet. Zunächst mit einem Kapital von 102 000 Mark. Es ist jetzt um 8,298 auf 8,4 Millionen Mark erhöht worden. Die neuen Aktien – im Nennwert von 300 Mark – werden seit Beginn dieser Woche zur Zeichnung angeboten – zum Preis von 337, 50 Mark. Das Agio wird in der Bilanz als Rücklage erscheinen. Zeichnungsstelle ist die Gerling Global AG, Düsseldorf. Damit ist eine Bank gefunden worden, welche die Gewähr bietet, daß zumindest die technische Durchführung der Emission klappen wird. Die Global-Bank hat auch die Aufgabe übernommen, für die Aktie im sogenannten "Telephonverkehr" einen Markt zu schaffen.

Alleinvorstand der SeeBAG ist der schon erwähnte Jungreeder Claus-Peter Offen (28 Jahre alt). Dem ersten Aufsichtsrat gehören als Vorsitzender der Hamburger Rechtsanwalt Günter Schemmel an, außerdem Volkert Knudsen (sein Vater war eine Zeitlang Wirtschaftsminister in Schleswig-Holstein), Geschäftsführer der Reederei Sartori & Herger in Kiel, und Joachim Göttsch, Mitinhaber der Schiffsmaklerfirma Carl Bock & Co, Hamburg.

Was wird den SeeBAG-Aktionären geboten? Das Unternehmen will sich maßgeblich an Kommanditgesellschaften beteiligen. Sie sollen jeweils ein Schiff erwerben. Im Augenblick ist an den Erwerb von zwei Schiffen gedacht. Bei beiden Gesellschaften soll Alleinvorstand Offen Komplementär, die SeeBAG Kommanditist werden. Das Stammkapital jeder KG wird in etwa dem Schrottwert des zu erwerbenden Schiffes entsprechen. Die Differenz zum Kaufpreis erhält die Kommanditgesellschaft von der SeeBAG als Darlehen.