Von Hans Fischer-Barnicol

Es ist nicht der Mühe wert, tausenderlei Beispiele für Tugend und Laster, Größe und Elend asiatischer Menschen zu geben, solange nicht klar ist, wie sie zu ermessen, zu deuten und nach welchen Kriterien zu verstehen sind. Solange läßt sich alles mögliche behaupten und belegen. Sind die einen verstört, entsetzt, entrüstet und angewidert:

Diese ständig bettelnden Inder sagen nicht einmal Danke schön – wie Vieh verrecken kranke Kinder und alte Leute auf offener Straße – aus dem Luxus des besten Fischrestaurants Ostasiens starrt man aufs Elend der Flüchtlingsdschunken – erbarmungslos werden Arme ausgebeutet und Wohlhabende erpreßt... so sind die anderen verzückt, begeistert und von Heilserwartungen bewegt:

ex oriente lux, was für uns noch niemals gegolten hat; Indiens Mystik (es gibt sie) und Chinas Weisheit (es gibt sie) und in Japan die Gärten, das Bogenschießen und die vielen Meister des Zen (die es auch gibt)!

Namenloses Elend und unnennbare Geheimnisse – solange uns unklar bleibt, ob sie zusammenhängen und wie und in welchem Sinn, sollten wir uns ein Urteil versagen. Solange können die Sozialapostel vom Dienst nicht mehr imponieren als die Dorfkapläne: beide denken provinziell. Beide wären glücklich, wenn es diese anderen Völker und ihre andere Welt gar nicht gäbe, sondern nur Suhrkamp und Vilshofen. Doch dem ist nicht so.

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Ein vornehmer Philosoph, in einem halbverfallenen Altstadthaus in Delhi. In seiner Jugend war er kommunistischer Funktionär, heute betreut er einen Verlag. Der Marxismus sei vielleicht unvermeidlich, erklärt er mir, wie die Pubertät. Doch man kann nicht zeitlebens sich selbst befriedigen, irgendwann einmal möchte man heiraten und zur Wirklichkeit gelangen. Für ihn gab es keinen anderen Weg als die Heimkehr zum Vedanta. Dort werde doch viel kritischer gedacht, viel weniger idealistisch, sondern konkret. Aber die sozialen Probleme, frage ich zurück – und nicht die vergleichsweise freundlichen im indischen Dorf, sondern die grauenhaften in Bombay oder Kalkutta? Ja, ja, was aber sozial sei, müssen wir selber bestimmen; unser Elend fordert nicht nur dazu heraus, die Verhältnisse zu ändern. Nicht nur die Verhältnisse.