Mancher DDR-Paßbeamte mag sich in den letzten Wochen über die ungeahnte Reisefreudigkeit vieler Bürger in Richtung Polen gewundert haben, doch erregte die Besucherwelle in den sozialistischen Bruderstaat lange Zeit keinen Argwohn. Erst als immer mehr DDR-Bewohner an einem bestimmten Oktoberwochenende das Bedürfnis verspürten, die Herbststimmung in den Masuren oder die ersten Skiläufer in der Hohen Tatra zu beobachten, kam der Staatsapparat in Bewegung und seinen reisefreudigen Bürgern auf die Schliche: In Warschau fand das Fußball-Länderspiel Polen gegen die Bundesrepublik statt. Schlagartig verweigerten die Bezirks- oder Kreisleitungen jegliche Sichtvermerke für die Ausreise nach Polen. Mit dem Ergebnis: "Nur" 5000 Schlachtenbummler aus der DDR feuerten die deutsche Mannschaft in Warschau an, sonst wären es nach den Aussagen der Angereisten 10 000 bis 15 000 gewesen.

Mit Auto oder Eisenbahn kamen sie nach halb- oder ganztägiger Fahrt an, kaum einer mit einer Hotelbuchung, viele ohne Eintrittskarte. Sie kampierten im Freien oder in den Hotelzimmern westdeutscher Besucher, die ihnen freie Betten zur Verfügung stellten. Die DDR-Besucher warteten stundenlang vor dem Hotel der deutschen Mannschaft auf ein Autogramm, sie schrien sich im Stadion die Kehlen heiser und zeigten Transparente mit Aufschriften wie "Leipzig grüßt die deutsche Mannschaft". Ihre Reaktionen im Warschauer Stadion schienen manchmal geradezu grotesk: Wenn nur einer der bundesdeutschen Spieler den Ball richtig traf, klatschten sie begeistert. Ihre Detailkenntnisse über die westdeutschen Spieler und die Vorgänge in der Bundesrepublik waren verblüffend. Immer wieder kamen Fragen: Warum spielt der nicht? Was ist mit dem? Sie fragten ständig nach westdeutschen Fußballzeitungen und meinten, es wäre schön, auch einmal eine westdeutsche Mannschaft in der DDR zu sehen. Doch die Vorstellung, eine westdeutsche Auswahlmannschaft im Leipziger Zentralstadion einlaufen zu sehen, muß der DDR-Regierung zwangsläufig Alpträume verursachen.

Die zahlreichen Solidarisierungsakte zwischen west- und ostdeutschen Länderspielbesuchern wurden von den Polen mit recht gemischten Gefühlen betrachtet. Die Begegnungen wühlten Emotionen auf, wie sie hierzulande kaum mehr vorstellbar sind. Sicherlich kann das Verhalten einer begrenzten Zahl von DDR-Bürgern nicht als symptomatisch für die gesamte Bevölkerung angesehen werden, aber es ist in Warschau sehr deutlich geworden, daß auch eine strikt betriebene Abgrenzungspolitik die menschlichen Bindungen nicht zu lösen vermochte.Rolf Kunkel