Andrej Sacharow, einer der leuchtenden Sterne am Himmel der sowjetischen Akademie der Wissenschaften, hat die Behauptung Lügen gestraft, es gebe keinen Raum für Liberalität in der Sowjetunion.

In einem offenen Aufruf an den Obersten Sowjet hat sich der große Physiker dafür eingesetzt, daß "eine gerechte und menschliche Lösung" für diejenigen gefunden werden müsse, die die Absicht haben, zu emigrieren: "Viele dieser Leute sind zu langen Strafen in Lagern und Gefängnissen verurteilt oder zu den Schrecken erzwungener psychiatrischer Behandlung verdammt worden." Die Freiheit zu emigrieren, die, so fügt Sacharow hinzu, ohnehin nur eine kleine Zahl von Leuten in Anspruch nehmen werde, sei aber eine wesentliche Bedingung geistiger Freiheit.

Auch Yehudi Menuhin, der jetzt als amerikanischer Bürger jüdisch-sowjetischer Herkunft an einem internationalen Musik-Kongreß in Moskau teilnahm, sprach dort von der Hoffnung, daß "der Tag kommen werde, an dem jedermann dort leben könne, wohin ihn sein Herz zieht".

Wenn man sich allerdings der Worte erinnert, mit denen A. I. Iwanov, ein Funktionär der Partei, kürzlich einer Gruppe jüdischer Sowjetbürger, die auswandern wollten, den Standpunkt der Regierung klarmachte, dann muß man befürchten, daß jener Tag noch sehr fern ist. Es stehe nicht im Belieben der Juden – so sagte er – zu entscheiden, ob sie das Land verlassen wollten. Der Kreml werde den Juden, die Fertigkeiten besitzen, welche für den Staat von Nutzen sind, kein Visum gewähren. Der Bürger als Besitztum des Staates – merkwürdigerweise war dies die gleiche Auffassung, mit der einst die Großgrundbesitzer die Leibeigenschaft begründeten. Dff.