Von Otto F. Beer

Das große musikalische Länderspiel ist vorüber. Während die Wiener Staatsoper in Moskau mit dem "Rosenkavalier", mit "Figaros Hochzeit" und "Tristan und Isolde" brillierte, kam das Bolschoi-Theater an den Opernring gezogen und führte drei Werke mit, die im Wiener Repertoire fehlen: "Boris Godunow", "Pique-Dame" und Prokofieffs "Krieg und Frieden". Aus Moskau hört man, daß die Erfolgskurve bis zu dem von Böhm dirigierten "Tristan" hin stetig angestiegen sei. Der "Rosenkavalier" scheint an der Akustik des für 6000 Personen erbauten Kremlpalastes, an der elektrischen Lautverstärkung, aber auch am Publikum gescheitert zu sein. Bei "Figaro" und "Tristan" – diesmal in dem rotgoldenen Bolschoi-Theater und vor einem kennerischen Publikum – war dann alles wieder im Lot.

Indessen zahlte man in Wien Märchenpreise für das Russengastspiel in der Staatsoper. Hier bewegte sich die Erfolgskurve eher in umgekehrter Richtung: "Boris" war Spitzenreiter, in "Pique-Dame" ging man der exzellenten Sänger wegen, "Krieg und Frieden" war ein kompromißlerischer Prokofieff aus der Blütezeit der stalinistischen Kunstdiktatur, und der Heroismus liegt fingerdick auf dieser Partitur. An großen Stimmen lernte man Beträchtliches kennen, Bässe von nachtschwarzer Tiefe vor allem – der Reichtum ging da so weit, daß man bei Wiederholungsvorstellungen sogar etliche Rollen umbesetzte.

Star des Gastspiels war der Chor, ein mächtiger, homogener Klangkörper, zudem der eigentliche Held in "Boris Godunow". Die Moskauer spielen ihren Mussorgskij leider in Rimskij-Korssakoffs Bearbeitung, dieser Veroperung der Oper, in der so viel an visionärer Kraft der Musik verloren geht. Sie lassen die Chorszenen breit ausspielen, verknappen dafür etwa den Polen-Akt. Daß das Orchester beträchtlichen Glanz hat, daneben auch Flexibilität und Farbigkeit, wurde unter dem dreißigjährigen Dirigenten Simonow klar. Er dirigierte bereits die beiden Nationalhymnen am Beginn des Gastspiels so emotionell und pointiert, daß man fürchten mochte, es werde für die Oper nichts übrig bleiben. Aber es blieb.

Nur kam zum Ohrenschmaus keine rechte Augenweide. Denn der Ruf neuzeitlicher Opernregie scheint noch nicht bis Moskau gedrungen zu sein, und so sah man viel Hand-aufs-Herz-Gestik, klamottige Aufzüge, jeden Abend einen liebevoll ausgetanzten Ball, eine heile Welt für Sowjetbürger. "Boris" ist ja zudem die repräsentative Oper für Staatsgäste, die russische "Aida", und so kommt denn der triumphierende Zar hoch zu Roß auf die Bühne.

Gewiß ist alles an diesem Stil gekonnt, diszipliniert, bewältigt, aber ein wenig lernt man doch die Schönheiten des sozialistischen Realismus fürchten.

"Krieg und Frieden" war Prokofieffs musikalisches Echo auf den vaterländischen Krieg, 1942 entstanden, als sich für Napoleons Marsch auf Moskau hinlänglich zeitgenössische Parallelen anboten. Den faszinierenden Rhythmiker und Neuerer der russischen Musik, den zeitweiligen Weggenossen Strawinskijs findet man nur mehr in Umrissen, der sichere Boden der Diatonik ist hier allzu sicher. Solange sich noch eine private Liebesgeschichte verknotet, bewegen wir uns in Puccini-Nähe. Der Krieg aber scheint für den Komponisten attraktiver gewesen zu sein als der Friede, und so bekommen die Schlachtenszenen ein nicht uninteressantes folkloristisches Kolorit. Diesmal war die Regie ein wenig munterer als sonst. Boris Pokrowskij ließ die Chancen des brennenden Moskau, der Granateinschläge auf offener Bühne, des napoleonischen Feldherrnhügels keineswegs ungenutzt.