Von Jürgen Holm

Vor wenigen Wochen bot ein Briefmarkensammler auf einer Tauschbörse in München mehrere Weihnachtsblöcke von Thüringen aus dem Jahre 1945 an. Solche Nachkriegswerte, die oft nur in kleiner Auflage erschienen, sind bei Deutschlands Sammlern sehr begehrt, die zu mehr als achtzig Prozent auch oder ausschließlich heimatliche Marken horten. Doch die Thüringen-Blöcke waren gefälscht.

Wieder einmal ging ein Schock durch die Reihen der Philatelisten und Investoren (so nennt der Briefmarkenhandel freundlich die Kunden, die Briefmarken als Spekulationsobjekte betrachten). Briefmarkenfälschungen sind besonders unerfreulich, weil hier auch etwas getroffen wird, was man gemeinhin mit Idealismus umschreibt. Der Urtyp des Sammlers betrachtet die Marken zwar mit wissenschaftlicher Akribie, aber auch mit Sympathie. Er vertraut gern.

Die falschen Thüringen-Blöcke waren technisch relativ leicht herzustellen. Die Druckereien arbeiteten in den Nachkriegsjahren meist mit primitivem Buchdruck auf kaum besonders gekennzeichnetem Papier. So brauchten die Nachdrucker keine große Fälscherkunst an den Tag zu legen. Der Markt erholte sich rasch; Heute geht man an die Thüringer Weihnachtsblöcke etwas vorsichtiger heran und sichert sich den Rat eines Fachmanns.

Für Briefmarkenfälscher gibt es immer noch viele Verlockungen. Wenn für den Sammler etwa eine Marke gestempelt rund zweihundertmal soviel wert ist wie ungestempelt (für die "Baden Landpost 23 Kr" traf das lange Zeit zu), dann liegt die Versuchung nahe, den hochprozentigen Gewinn durch einfaches Stempeln postfrischer Stücke einzustreichen. Aber die Experten lassen sich nur eine gewisse Zeit täuschen. Sammler und Händler haben ein Gespür dafür, wann von einem bestimmten Wert mehr Material auf dem Markt auftaucht, als nach allen Erfahrung gen wahrscheinlich ist, Meistens ist es dann noch nicht zu spät, wenn die Spezialisten im Kampf gegen den Fälscher mit Chemikalien, Mikroskop, Quarzlampe und radioaktiven Isotopen ins Feld ziehen. Die Fälschungen werden abgesondert, der Preis der Marke wird gehalten. Freilich bleiben Geschädigte auf dem Plan, die auf den entlarvten Fälschungen sitzenbleiben.

Denn das Sammeln von Fälschungen ist verpönt. Zwar gibt es einige Kollektionen von Falsifikaten; doch werden sie meist nur von Experten zu Vergleichszwecken gehalten. Fälschungen aus Liebhaberei zu sammeln wäre in der Tat unlogisch. Das würde eine Phalanx von Fälschern provozieren, und von unverfälschter Sammelfreude könnte keine Rede mehr sein.

Es wäre allerdings eine naive Selbsttäuschung, wollte man davon ausgehen, daß alle Fälschungen mit den heute vorhandenen Methoden entlarvt werden können, es die perfekte Fälschung also nicht gibt. Die Briefmarke ist nun einmal – auch enthusiasmierte Ästheten kommen nicht darum herum – ein drucktechnisches Produkt, das Ergebnis eines technischen Vervielfältigungsverfahrens, und jeder mechanische Prozeß ist wiederholbar.