Von Joachim Schwelien

Wer heute irgendwo im Mittleren Westen ins Krankenhaus muß, dem kann es leicht passieren, daß er von Ärzten kubanischer Abkunft behandelt wird. Er wird fachgerecht verarztet, und auch im Ort wird er nur Gutes über die Kubaner hören. Sie zählen zu dem großen Schwarm von über einer Million Auswanderern, die sich in den vergangenen Jahren in den Vereinigten Staaten eine neue Heimat gesucht haben: ein gutes Achtel der kubanischen Bevölkerung, das Fidel Castro ungehindert hat ziehen lassen.

Überwiegend kommen die Kubaner aus dem Mittelstand und der bürgerlichen Bildungsschicht, für die im heimatlichen Arbeiterstaat kein Platz mehr ist. Beinahe lautlos sind sie in den großen Industriestaat Amerika eingegliedert worden. Anfänglich ballten sie sich in Südflorida zusammen, aber die schwindende Aussicht auf Rückkehr in die angestammte Heimat und die sanfte Nachhilfe der amerikanischen Einwanderungsbehörden bewogen das Gros mittlerweile, sich über das ganze Land zu verteilen.

Die kubanischen Einwanderer sind fleißige und wohlgelittene Neubürger; sie haben zum größten Teil Stellungen gefunden, die ihrem Berufsniveau entsprechen; und sie bilden keine ausgeprägte "Minderheit", obgleich es in vielen Großstädten spanische Zeitungen und spanische Rundfunkprogramme gibt. Neben den sechs Millionen Chicanos – den Amerikanern mexikanischer Herkunft – und der einen Million Puertoricaner verstärken sie das lateinische Element im amerikanischen Volk. Präsident Nixon hat angeordnet, die Latinos bei der Besetzung wichtiger Posten in der Bundesverwaltung stärker zu berücksichtigen. Die kubanische Auswanderung allerdings geht zu Ende: Die letzten tausend Aussiedler kommen bis Weihnachten in die Vereinigten Staaten. Danach will Castro keine Abwanderung mehr gestatten.

Den kubanischen Einwanderern haben die Amerikaner ihre Tore weit geöffnet. Castros Kuba bleibt jedoch verfemt und geächtet. Gegen diese Politik regen sich neuerdings allerhand Widerstände. Senator Edward Kennedy faßte sie jüngst in dem beredten Plädoyer zusammen, wenn der Präsident nach Peking reise und auch mit Moskau einen Ausgleich suchen wolle, sei es absurd, Fidel Castro weiterhin zu isolieren und unter strenger wirtschaftlicher, diplomatischer und militärischer Quarantäne zu halten.

In der Tat: Wenn Washington seine Beziehungen zu China und Rußland normalisiert, müßte ihm logischerweise auch daran gelegen sein, vor der eigenen Haustür dem Stachel des kommunistisch regierten Kuba im amerikanischen Fleisch die Spitze abzuschleifen. Aber solche Vernunftargumente schlagen vorerst noch nicht gegen die gefühlsmäßigen Vorbehalte auf beiden Seiten durch. Folgerichtig betonte Nixon, Kuba sei für die USA "eine periphere Angelegenheit"; es zeichneten sich keine neuen Entwicklungen ab. Noch sind die Barrieren unübersteigbar, auch wenn – halb gewollt, halb zufällig – ein US-Basketball-Team auf einem Hemisphärenturnier mit einer rotkubanischen Mannschaft jüngst sportlich-fair Bälle wechselte.

Die Bausteine der großen Barriere wurden aufgehäuft, als Castro die amerikanischen Investitionen im Bergbau, in der Erdölproduktion und in der Landwirtschaft – Wert: eine halbe Milliarde Dollar – enteignete und dafür lediglich eine wertlose Kompensation in zinslosen, nicht handelsfähigen kubanischen Wertpapieren mit zwanzig Jahren Laufzeit anbot. In einer seiner letzten Amtshandlungen brach Präsident Eisenhower im Einvernehmen mit seinem bereits gewählten Nachfolger John F. Kennedy die diplomatischen Beziehungen zu Kuba im Januar 1961 ab. Dann folgten die mißglückte Invasion kubanischer Freischärler in der Schweinebucht mit der vom Weißen Haus geduldeten Unterstützung durch den CIA und als Gipfel der Feindseligkeit schließlich 1962 die kubanische Raketenkrise. Sie wurde entschärft, als Chruschtschow den Abzug der sowjetischen Mittelstreckenraketen anordnete und Kennedy sich gegen die Zusage einer internationalen Überwachung Kubas – die Castro sogleich unterband – verpflichtete, keine amerikanische Invasion mehr zu versuchen.