Das Glücksspiel Leben

Von Michael Globig

Das Universum trug weder das Leben, noch trug dieses den Menschen in sich. Unsere "Losnummer" kam vielmehr beim Glücksspiel heraus: Das Leben verdankt seinen Ursprung einem einzigen unwahrscheinlichen Zufall.

Diese Thesen – ableitbar aus den Erkenntnissen der modernen Biologie – machen seit fast einem Jahr Furore. Nachzulesen sind sie in einem nicht gerade leicht verständlichen Werk über die moderne Biologie und ihre philosophischen Konsequenzen –

Jacques Monod: "Zufall und Notwendigkeit", aus dem Französischen von Friedrich Griese; R. Piper & Co. Verlag, München; 238 S., 24,– DM.

Der einundsechzigjährige französische Molekularbiologe Jacques Monod, Medizin-Nobelpreisträger von 1965, faßt in diesem seinem Sachbuch-Bestseller die Gedanken aus zwei seiner Vorlesungen zusammen.

Schon der Titel läßt stutzen: Zufall und Notwendigkeit? Will das Buch nicht gerade zeigen, daß es ein Irrtum sei, das Leben als notwendig zu betrachten, daß es falsch sei, alle wirklich in der Welt existierenden Dinge von jeher als notwendig gewesen anzusehen? "Die moderne Naturwissenschaft"‚ so schreibt denn auch Monod, "kennt keine notwendige Vorherbestimmtheit. Das Schicksal zeigt sich in dem Maße, wie es sich vollendet – nicht im voraus." Warum dann dennoch Zufall "und" Notwendigkeit, warum kein "oder", warum kein Fragezeichen? Das Buch, dem der Ruf vorauseilt, allem Leben die Notwendigkeit abzusprechen, scheint sich bereits im Titel selbst in Frage zu stellen.

Es tut das bewußt – auch im französischen Original. Denn das zentrale Problem der modernen Biologie liegt gerade darin, daß sie auf der einen Seite jede in diese Wissenschaft hineininterpretierte Notwendigkeit des Lebens bestreitet, (worunter man alle jene Bemühungen versteht, die zu "wahren" Erkenntnissen gelangen wollen, indem sie die beobachteten Erscheinungen durch ein "Projekt", eine Endursache, deuten), auf der anderen Seite aber doch eingestehen muß, daß sich in den Lebewesen, ihren Strukturen und Leistungen die Verwirklichung und Verfolgung eines Projekts offenbart.

Das Glücksspiel Leben

Freilich ist diese zugestandene Notwendigkeit anderer Art als die bislang üblichen Interpretationsversuche des Lebens. Weder mythische noch ideologische Gesetzmäßigkeiten spielen in der modernen Biologie eine Rolle. Diese Wissenschaft hat inzwischen so viele universale Mechanismen des Lebens entdeckt, daß sie keiner philosophischen, gesellschaftlichen oder religiösen Begründung mehr bedarf. Was dort als Notwendigkeit, als dem Leben zugrunde liegender Plan eingeführt wurde, war ohnehin meist nur ein subjektives Projizieren des bewußten, absichtsvollen menschlichen Handelns auf die unbeseelte Natur. Eine überirdische "Seele" sollte den Menschen als Projekt hegen, eine evolutionäre Kraft zum Menschen und schließlich Supermenschen führen. Heute treten beweisbare Erkenntnisse an die Stelle solcher Deutungen.

Wenn in der modernen Biologie dennoch davon gesprochen wird, daß alle Lebewesen die Eigenschaft besitzen, "Objekte zu sein, die mit einem Plan ausgestattet sind", so ist das nicht mehr in einem göttlichen oder dialektisch-materialistischen Sinn zu verstehen. Vielmehr charakterisieren Wissenschaftler wie Monod alles Lebendige heute durch drei Eigenschaften: die "autonome Morphogenese", das "teleonomische Projekt" und die "invariante Reproduktion".

Mit dem Begriff der autonomen Morphogenese werden spontane, von äußeren Bedingungen nicht gelenkte Prozesse bezeichnet, in denen sich makroskopische Strukturen aufbauen. Zur Erhaltung und Vermehrung der Art werden die solchen Strukturen innewohnenden Informationen invariant reproduziert und mit Hilfe des "teleonomischen" Apparates von einer Generation auf die nächste übertragen. Das Projekt, die Notwendigkeit, die teleonomische, zielgebundene Leistung umfaßt alle Strukturen und Tätigkeiten, die zum Erfolg dieser unveränderten Informationsübertragung beitragen.

Wie Monod diese drei wesentlichen Merkmale herausarbeitet, gehört zu den Glanzstücken des Buches: Er erfindet einen Computerprogrammierer, der ohne Detailkenntnisse der Biologie objektive Kriterien aufstellen soll, die es gestatten, jedes irgendwo vorgefundene Objekt (und sei es auf dem Mars) als belebtes Wesen oder als natürlichen, unbelebten Gegenstand beziehungsweise als Artefakt (Kunstprodukt) zu klassifizieren. Eine Idee, die sofort zum Mitdenken einlädt. Wenn man sich dabei bis in die Grenzbereiche zwischen belebter und unbelebter Natur vorwagt, wenn man beispielsweise nach unterschiedlichen Definitionen für Viren und Kristalle sucht, kommt man schwerlich zu anderen Merkmalen, als sie Monods scharfsinniger und gründlicher Analytiker findet.

Sein Ergebnis ist das Dreigestirn von Eigenschaften, in dem auch der Plan, das zielgerichtete teleonomische Projekt einen festen Platz einnimmt. Allerdings – und darin liegt der Unterschied zu allen früheren Interpretationen und Schöpfungsmystizismen – nicht mehr als primäres, von Anbeginn an zielgerichtetes Gesetz aller Lebensprozesse, sondern als sekundäres Ereignis. Ihr voraus geht die Invarianz, die weitgehende Unveränderlichkeit jeder autonom entstandenen Struktur. Erst für die Übertragung der invarianten Strukturinformation von einer Generation auf die nächste wird der teleonomische Apparat benötigt.

Auch chemisch lassen sich beide Eigenschaften voneinander trennen: Von den biologisch wichtigsten Klassen der Makromoleküle ist eine – die der Proteine (Eiweißkörper) – für fast alle teleonomischen Strukturen und Leistungen verantwortlich, während die andere – die der Nukleinsäuren (der DNS zum Beispiel) – als Träger der invarianten genetischen Information fungiert: Die DNS enthält die unveränderlichen Baupläne, nach denen die Proteine in immer wieder reproduzierbarer Form zusammengesetzt werden.

Damit sind freilich bisher, nur die Begriffe der konservierenden Invarianz und der reproduzierenden Notwendigkeit erklärt. Beide, allein aber können die ungeheure Vielfalt der Lebensformen nicht verständlich machen. Sie ist nach Monod vielmehr eine Frage des Zusammenspiels von Zufall und Notwendigkeit. Elementare, unvorhersehbare Ereignisse verändern nämlich zufällig die sonst invarianten Informationen. Sind diese Veränderungen erst einmal der DNS eingeprägt, so vervielfältigt sie der teleonomische Apparat millionenfach. "Der Herrschaft des bloßen Zufalls entzogen, tritt der unvorhersehbare, einzelne Vorfall unter die Herrschaft der Notwendigkeit."

Das Glücksspiel Leben

Statt sich darüber zu entsetzen – wie es die Kritiker Monods tun –, daß die Vielfalt der Lebensformen allein in Zufällen, nicht aber in einem vorgegebenen Plan begründet sein soll, könnte man diesen Einwand auch ins Gegenteil verkehren: Woher kommt es, daß bei der unendlichen Zahl möglicher, zufälliger Veränderungen nur eine begrenzte Zahl von freilich sehr komplexen Lebewesen übrigblieb?

Auf diese Frage liefert die moderne Biologie eine Antwort: Die nach jeder Veränderung entstandene Proteinstruktur wird zunächst daraufhin getestet, ob sie mit dem von Steuerungsmechanismen zusammengehaltenen Gesamtsystem – des Organismus vereinbar ist. Angenommen werden nur jene Mutationen, die den teleonomischen Apparat in seiner eingeschlagenen Orientierung nicht schwächen, sondern bestärken. Sind diese Bedingungen dagegen nicht erfüllt, so wird die Mutation, der aus dem Zufall geborene Versuch, verworfen.

Die selektive Evolution ist so eine Auswahl von seltenen Störungen, die in dem riesigen Vorrat des mikroskopischen Zufalls enthalten sind; die Selektion wird ausschließlich aus der unerschöpflichen Quelle des Zufalls gespeist. Gleichzeitig bedeutet die Selektion jedoch, wie der Göttinger Nobelpreisträger Manfred Eigen in seinem Vorwort zur deutschen Ausgabe des Buches noch einmal ausdrücklich betont, eine Einschränkung eben dieses Zufalls, da, sie nach strengen Optimalprinzipien erfolgt. "So sehr die individuelle Form ihren Ursprung dem Zufall verdankt, so sehr ist der Prozeß der Auslese und Evolution unabwendbare Notwendigkeit", heißt es bei Eigen. Erst durch die Auslese werden die Zufälle zu "Treffern".

Zufall und Notwendigkeit also, nur beide zusammen, haben den Schritt vom Makromolekül zum Mikroorganismus, haben die Entwicklung vom Einzeller über den Organverband bis schließlich hin zum Menschen bewirkt. Nichts davon war vorherbestimmt; ob es überhaupt je zu Leben Im Universum kommen würde, wäre vermutlich weder vorherzusagen noch wenigstens als wahrscheinlich anzugeben gewesen. "Das Universum trug weder das Leben, noch trug die Biosphäre den Menschen in sich."