Freilich ist diese zugestandene Notwendigkeit anderer Art als die bislang üblichen Interpretationsversuche des Lebens. Weder mythische noch ideologische Gesetzmäßigkeiten spielen in der modernen Biologie eine Rolle. Diese Wissenschaft hat inzwischen so viele universale Mechanismen des Lebens entdeckt, daß sie keiner philosophischen, gesellschaftlichen oder religiösen Begründung mehr bedarf. Was dort als Notwendigkeit, als dem Leben zugrunde liegender Plan eingeführt wurde, war ohnehin meist nur ein subjektives Projizieren des bewußten, absichtsvollen menschlichen Handelns auf die unbeseelte Natur. Eine überirdische "Seele" sollte den Menschen als Projekt hegen, eine evolutionäre Kraft zum Menschen und schließlich Supermenschen führen. Heute treten beweisbare Erkenntnisse an die Stelle solcher Deutungen.

Wenn in der modernen Biologie dennoch davon gesprochen wird, daß alle Lebewesen die Eigenschaft besitzen, "Objekte zu sein, die mit einem Plan ausgestattet sind", so ist das nicht mehr in einem göttlichen oder dialektisch-materialistischen Sinn zu verstehen. Vielmehr charakterisieren Wissenschaftler wie Monod alles Lebendige heute durch drei Eigenschaften: die "autonome Morphogenese", das "teleonomische Projekt" und die "invariante Reproduktion".

Mit dem Begriff der autonomen Morphogenese werden spontane, von äußeren Bedingungen nicht gelenkte Prozesse bezeichnet, in denen sich makroskopische Strukturen aufbauen. Zur Erhaltung und Vermehrung der Art werden die solchen Strukturen innewohnenden Informationen invariant reproduziert und mit Hilfe des "teleonomischen" Apparates von einer Generation auf die nächste übertragen. Das Projekt, die Notwendigkeit, die teleonomische, zielgebundene Leistung umfaßt alle Strukturen und Tätigkeiten, die zum Erfolg dieser unveränderten Informationsübertragung beitragen.

Wie Monod diese drei wesentlichen Merkmale herausarbeitet, gehört zu den Glanzstücken des Buches: Er erfindet einen Computerprogrammierer, der ohne Detailkenntnisse der Biologie objektive Kriterien aufstellen soll, die es gestatten, jedes irgendwo vorgefundene Objekt (und sei es auf dem Mars) als belebtes Wesen oder als natürlichen, unbelebten Gegenstand beziehungsweise als Artefakt (Kunstprodukt) zu klassifizieren. Eine Idee, die sofort zum Mitdenken einlädt. Wenn man sich dabei bis in die Grenzbereiche zwischen belebter und unbelebter Natur vorwagt, wenn man beispielsweise nach unterschiedlichen Definitionen für Viren und Kristalle sucht, kommt man schwerlich zu anderen Merkmalen, als sie Monods scharfsinniger und gründlicher Analytiker findet.

Sein Ergebnis ist das Dreigestirn von Eigenschaften, in dem auch der Plan, das zielgerichtete teleonomische Projekt einen festen Platz einnimmt. Allerdings – und darin liegt der Unterschied zu allen früheren Interpretationen und Schöpfungsmystizismen – nicht mehr als primäres, von Anbeginn an zielgerichtetes Gesetz aller Lebensprozesse, sondern als sekundäres Ereignis. Ihr voraus geht die Invarianz, die weitgehende Unveränderlichkeit jeder autonom entstandenen Struktur. Erst für die Übertragung der invarianten Strukturinformation von einer Generation auf die nächste wird der teleonomische Apparat benötigt.

Auch chemisch lassen sich beide Eigenschaften voneinander trennen: Von den biologisch wichtigsten Klassen der Makromoleküle ist eine – die der Proteine (Eiweißkörper) – für fast alle teleonomischen Strukturen und Leistungen verantwortlich, während die andere – die der Nukleinsäuren (der DNS zum Beispiel) – als Träger der invarianten genetischen Information fungiert: Die DNS enthält die unveränderlichen Baupläne, nach denen die Proteine in immer wieder reproduzierbarer Form zusammengesetzt werden.

Damit sind freilich bisher, nur die Begriffe der konservierenden Invarianz und der reproduzierenden Notwendigkeit erklärt. Beide, allein aber können die ungeheure Vielfalt der Lebensformen nicht verständlich machen. Sie ist nach Monod vielmehr eine Frage des Zusammenspiels von Zufall und Notwendigkeit. Elementare, unvorhersehbare Ereignisse verändern nämlich zufällig die sonst invarianten Informationen. Sind diese Veränderungen erst einmal der DNS eingeprägt, so vervielfältigt sie der teleonomische Apparat millionenfach. "Der Herrschaft des bloßen Zufalls entzogen, tritt der unvorhersehbare, einzelne Vorfall unter die Herrschaft der Notwendigkeit."