Schulsport darf nicht ins ideologische Abseits geraten

Von Jürgen Werner

Schulsport zwischen Marx und Mao – eine Alternative ohne Beispiel? Während Chinas Parteichef vor Jahren in Trikot und Turnhose die Volksgymnastik kreierte, seine sportliche Leistungsfähigkeit beispielgebend für sportliche Chinesen durch Schwimmen im Jangtse-kiang demonstrierte, lehnen Sportstudenten – zukünftige Sportlehrer also – neomarxistischer Couleur eigene Leistungen – überflüssig ab. Reflektieren und Verbalisieren scheint ihnen wichtiger als Trainieren – die Motivation zur Leistung soll emanzipatorisch begründet sein. Aufklärend und befreiend zugleich müsse ein Sportunterricht wirken, der bisher von der Ideologie her repressiv und daher systemstabilisierend orientiert gewesen sei.

Schon das Vokabular zeigt die Tendenz: Der Schulsport – bisher ein Kampf der Klassen – wird zum Vorfeld eines Klassenkampfes. Sie tun so, als sei Juvenals orandum est, et sit mens sana in corpore sano immer noch Leitbild bundesdeutscher Sportlehrer. Daß der gesunde Körper den gesunden Geist nicht notwendigerweise bedingen muß – ein Faktum. Aber ebensowenig wird der Kampf um die Stellung des Sports in unserer Gesellschaft und damit auch an unseren Schulen allein verbal entschieden, sondern durch die Aktion und aktive Selbstverwirklichung auf dem Sportplatz, in den Turnhallen und in den Schwimmbädern.

Zum Beispiel eine Quarta. Wer die Jungen und Mädchen in dieser Altersstufe in ihrem spontanen Bewegungsdrang erlebt, ihren Lerneifer, großen sportlichen Vorbildern nahezukommen, weiß, daß sich auch und gerade der Schulsport am Leistungssport orientieren muß, wenn er nicht ins ideologische Abseits geraten will. Im Hochsprung möchte der Schüler den Fosbury-Flop selbst erleben, den Ball wie Beckenbauer am Fuß führen, den Start wie weiland Armin Hary selbst erspüren. Dabei spielt der Vergleich, der Wettkampf und damit die Leistung eine dominierende Rolle: Der Schüler möchte schneller sein als der Klassenkamerad, die Klassenmannschaft sich im Spiel mit anderen messen. Die in Hamburg fast abgeschlossene Fußballmeisterschaft der Gymnasien zeigte vom Engagement und Leistungswillen der Schüler her – vor allem Primaner –, wie untrennbar Sport, Wettkampf und Leistung miteinander verbunden sind. Leistung und Rekordsucht profitsteigernd und systemstabilisierend? Die Schule erhebt Einspruch.

Wo erfährt der Schüler unmittelbarer als im sportlichen Wettkampf den Wert seiner gestalteten und erbrachten Leistung. Das spontane Erfolgserlebnis, der direkte soziale Bezug im Wettkampf zu den Mitschülern, Kritik und Kooperation im Spiel, Risiko und Entscheidungsspielraum in Sekunden oder Minuten komprimiert, Einsatz physischer und psychischer Komponenten – welches Fach leistet diese Vielfalt von persönlichkeitsbildenden Faktoren? Herbert Wehner nannte auf der Sportkonferenz der SPD 1969 in Bad Godesberg den Sport "eine Schule für Leib und Geist". Die Frage wäre also zu stellen: Ist die heutige Schule in der Lage, einen Sport für Leib und Geist zu verwirklichen?

Nach den Olympischen Spielen in Mexiko 1968 galt das Wort, die Medaillen seien gegen die Schule errungen worden; vor München gilt die Erkenntnis, die Erfolge werden ohne die Schulen errungen sein, deren Funktion innerhalb der Zielvorstellungen des deutschen Sports neu definiert werden müßte. Das Kriterium für die oben gestellte Frage können nicht Medaillen und Rekorde sein, sondern neben einer gezielten, differenzierenden Talentsuche die Verwirklichung der Nahziele Gesundheit und Freude am Sport. Der Wettbewerb "Jugend trainiert für Olympia", dessen Endkämpfe im September mit 4200 Teilnehmern aus allen Schularten in Berlin stattfanden, bietet eine Lösung, Talente zu erkennen. Der Schulsport als Trittbrettfahrer Olympias. Die Bundesjugendspiele allerdings erfüllen in der jetzigen Form – Wertung und Durchführung eingeschlossen – nicht einmal die oft proklamierte Trimm-dich-Funktion, geschweige denn, daß sie eine echte Leistungsmotivation böten.