Von Dietrich Strothmann

Der Höchste war auch der Größte: Als Bremens Bürgermeister in Vertretung des Bundespräsidenten auf dem Rollfeld neben Japans Kaiser Hirohito stand und den Staatsgast dann mit ungelenk-freundlicher Gebärde zur Ehrengarde geleitete, drängte sich unwillkürlich das Bild vom Riesen und vom Zwerg auf. Einen Meter und neunzig der Bundespräsident in Reserve Hans Koschnick, einen Meter und fünfundsechzig der Tenno – breitschultrig und kräftig der Bremer, fast zerbrechlich der Japaner.

Der Tag an dem Bonns amtierender ranghöchster Staatsdiener dem Kaiserpaar seine Honneurs machte, war der Tag nach seinem größten Sieg: In der Bremer Bürgerschaftswahl hatte Koschnick mit 55,3 Prozent der Stimmen gleich drei Trophäen auf einen Schlag errungen – das beste Resultat in Bremen (0,6 Prozent mehr als sein Vorgänger Kaisen in dessen bester Zeit), eines der höchsten Landtagswahlergebnisse für die SPD nach 1945 und mit weitem Abstand den größten Wahlerfolg für die Sozialdemokraten seit Bestehen der Bonner sozialliberalen Koalition. Bei den letzten Länderwahlen hatte die CDU Punkt um Punkt aufgeholt, jetzt aber führte Koschnick seine Partei zu einem strahlenden, sensationellen Sieg. Im kleinsten Land der Bundesrepublik und nach vielen Enttäuschungen brachte er die SPD aus der Wahl-Talsohle heraus. Schon wird Hans Koschnick "Brandts Bester" genannt.

Er selber freilich mag solche schmückenden Beinamen nicht. Bremer Biederkeit und spröder hansischer Bürgersinn, gepaart mit der Scheu eines "Kühlen aus dem Norden" – wie der Kieler Stoltenberg – sind seine Markenzeichen. Koschnick fand auch nie so recht Gefallen an dem Ehrentitel "Hans im Glück", mit dem er nach seinem überraschend steilen Aufstieg zum Senatspräsident vor vier Jahren apostrophiert wurde. Damals war er, der Benjamin unter den Länderchefs, gerade erst 38 Jahre alt. Mit 34 war er, auch in dieser Funktion der Jüngste im Bund, bereits Innensenator geworden. Heute nun, nach so viel Glanz und Glorie, sträubt er sich, "Hans Koschnick, der Riese im Rathaus zu Bremen" genannt zu werden.

Unangefochten von einer abgeschlagenen FDP und von einer resignierten CDU könnte er – wollte er es – vier Jahre lang den Zwei-Städte-Staat Bremen und Bremerhaven allein regieren: ein sozialliberaler "Ersatzkaiser". Doch da es die Bonner so wollen und er selber auch keinen Gefallen an einer Alleinregentschaft findet, wird er sich wieder mit den Freien Demokraten zusammentun – nach guter, alter Bremer Art, die sein Vorgänger Kaisen mit der Allianz der "Kaufleute und Arbeiter" eingeführt hat. Nach ihr wurde 24 Jahre lang, bis zum abrupten Ehebruch durch die FDP fünf Monate vor der Wahl, verfahren. Bonn gibt auch in Bremen den Koalitionston an. Und Hans Koschnick, der von der Pieke auf bei der SPD frohnte und sich in ihr hochdiente, ist ein treuer Gefolgsmann seiner Parteioberen.

Der Senatspräsident und Bürgermeister, der noch dazu Präsident des Deutschen Städtetages ist und bis zu diesem Freitag auch Bundesratspräsident, fällt nicht aus dem Rahmen der neuen, jüngeren SPD-Spitzengarde. Wie die fast gleichaltrigen Klaus Schütz in Berlin und Peter Schulz in Hamburg repräsentiert auch Koschnick ohne zu präsentieren, einen bestimmten Typ des sozialdemokratischen Regierungschefs: pragmatisch, abgeneigt jeder Ideologie und Emotion, sachlich, Fakten und Funktionen beachtend, eher von konservativem als progressivem Zuschnitt, mehr auf Ausgleich als auf Konflikt bedacht, stärker von der Leistung als von Leidenschaft her bestimmt.

Eine neue Generation hat, in den überschaubaren unmittelbar regierbarer Stadtstaaten das Ruder in die Hand genommen. Die Söhne, die die Väter abgelöst haben, sind der Statur, dem Charakter und dem Wesen nach keine Landesväter. Die Zeiten der Kaisen, Brauer, Weichmann, Zinn und Kopf sind vorbei – so wie auch bei der CDU die Stoltenberg und Kohl ihre Väter aus der Gründerzeit abgelöst haben. Und die Periode der Zwischengeneration, vertreten etwa durch resignierende Politiker wie Heinz Kühn und Jochen Steffen, klingt allmählich aus.