ARD, Mittwoch, 13. Oktober: "Protestsongs – wirksam oder wirkungslos eine Untersuchung von Matthias Walden

Demagogie, weiß der Chefkommentator des Senders Freies Berlin, Matthias Walden, Demagogie sei das, "was nur der Wirkung willen gesagt wurde, dann der Analyse nicht standhält". Und so nahm er sich die für seinen Horizont modernen Demagogen vor, die Protestsänger: "Protestsong scheint mir der mehr oder weniger taugliche Versuch zu sein, die bestehende Ordnung durch Gesang zu sprengen. Dabei überwiegen die revolutionären Aufforderungen gegenüber den evolutionären."

Als jemand, der sich in der Demagogie so vorzüglich auskennt, traf Walden denn auch die beste Wahl: Er baute sich die umzuschlagenden Pappkameraden so auf, daß sie bereits bei der geringsten Berührung durch sich selber umfallen mußten.

Die Berliner Gruppe "Das Fenster" beispielsweise. Ihre Frage "Mutter, wie weit ist Vietnam?" ist in ihrer naiv-sentimentalen Duett-Harmonie allenfalls ein mißlungener Versuch, an eine alte Ofarim-Welle anzuknüpfen, der Protest geht da schon in der zweiten Zeile baden.

Oder die österreichischen "Milestones" mit einem "Chor, an die Alten", in der Tat "mehr Gemüt als Politik". Oder Udo Jürgens mit "Lieb’ Vaterland", konjunkturbewußt und daher zum Umfallen besonders geeignet. Selbst Hermann Hoffmann oder Dietrich Kittner stellten sich nicht mit dem Besten vor, allenfalls Dieter Süverkrüp besaß in "Hört mir doch auf mit Vietnam" etwas beißenden Zugriff.

Demagogie in diesen Liedern? Wenn Herr Walden sich doch getraut hätte, den wirklichen Protestsong aufzugreifen, den amerikanischen wie den deutschen, mal zu den "Pläne"-Leuten hinzugehen, deren Texte genauer zu studieren und den Versuch zu machen, die zu widerlegen, statt der Albernheiten, die es selbst Herrn Walden leichtmachen. Aber da wäre er mit seinen wohlgesetzten Schlagworten ("Agitpop statt Agitprop") und flinken Qualifikationen ("Import aus USA") nicht mehr so weit gekommen, und die Feststellung, daß "die Arbeiter nicht von ihren Sitzen springen, keine Barrikaden erklimmen und dem Establishment, zu dem sie selbst längst gehören, nicht an die Gurgel gehen", diese Feststellung hätte sich ihm im Munde umgekehrt: Es hätte sich zeigen können, warum dem so ist. Von der Tatsache abgesehen, daß die aufgetretenen Musiker Verträge bekamen, die nicht erahnen ließen, daß der Demagogie-Experte Walden sie anschließend verheizen werde: Wer die Chuzpe besaß, diesen als Denkanstoß vorgetäuschten infamenAbschlachtversuch zu senden, und schon wissen, wo er sich heute karrierebewußt anbiedern muß.

Nimmt man Waldens Volksverdummung zu ernst? Oder zeigt seine wild-ironische Verbalaktion nicht gerade die Notwendigkeit der Songs auf?