Von Ulrich Kaiser

Still und leise, wenn auch nicht heimlich, ist im Städtchen Charlotte in North Carolina ein Übrigbleibsel aus den Urzeiten des modernen Sports zu Grabe getragen worden. Die Tennisspieler der USA gewannen dort die 62. Herausforderungsrunde um den Davispokal gegen die Mannschaft Rumäniens. Im nächsten Jahr wird es diese Herausforderungsrunde nicht mehr geben. Der Internationale Tennisverband hat beschlossen, daß nach 71jähriger, unveränderter Regel-Praktizierung nunmehr auch der jeweilige Sieger dieses weltweite Nationenturnier von Anfang an mitspielen müsse. Die "Challenge Round", vor der Jahrhundertwende in England (wo sonst?) erfunden. und anfänglich auch im Fußballpokal durchgeführt, widersprach inzwischen wohl zu sehr sportlichen Gesichtspunkten.

Bisher vermochte sich der jeweilige Gewinner jener "häßlichsten Salatschüssel der Welt" aus schwerem Sterlingsilber ein Jahr lang in Ruhe auf den Angriff irgendeines Gegners vorzubereiten, der sich zwischen Mai und Oktober mühselig durch die Runden ackernd zur Herausforderung qualifizierte. Die Schwierigkeit bestand weiter darin, daß jener wartende Meister gar nicht mehr mit jenem identisch war, der den "Pott" gewonnen hatte: Pokalgewinn ist gleich Prestigegewinn, was wiederum bedeutet, daß man möglichst schnell einen Profivertrag unterschreibt und damit an diesem Wettbewerb nicht mehr teilnehmen darf. Diese Regeln werden immer noch von der amerikanischen Familie Davis überwacht, die eine Teilnahme der Berufsspieler unter anderem dadurch zu vereiteln versuchte, daß sie damit drohte, die Trophäe einzuziehen. Was im übrigen nichts daran ändert, daß der internationale Verband diese offiziöse Weltmeisterschaft zu seinen eigenen Veranstaltungen zählt.

Die Idee zu diesem Wettbewerb läßt sich fast minuziös terminieren, obgleich sie immerhin 72 Jahre zurückliegt. Die vier Harvard-Studenten Malcolm Whitman, Holcolm Ward, Beals Wright und Dwight Filley Davis kamen Ende 1899 von den US-Tennismeisterschaften und mokierten sich über große Zeitungsberichte über die Segelrennen zum America Cup, während ihre eigenen Großtaten kaum vermerkt wurden. Dwight F. Davis hatte die Idee und den Papa, der einen Pokal zu stiften imstande war. Der US-Tennispräsident James Dwight war von dem Vorschlag begeistert, und am 9. Februar 1900 hieß der Kongreß der amerikanischen Tennisspieler den Vorschlag für gut. Am 27. März des gleichen Jahres entschied ein paar tausend Meilen weiter auch die britische Lawn Tennis Association, daß es wünschenswert wäre, einen internationalen Wettbewerb durchzuführen. Auf seiner Majestät Schiff "Campania" erreichten die ehrenwerten Herren Arthur Gore, Ernest Black und Herbert Roper-Barrett aus London kommend New York. Sie besichtigten noch schnell die Niagarafälle und reisten von hier weiter nach Boston, wo im Longwood Club die Gentlemen Whitman, Ward und Davis vom 8. bis 10. August darauf warteten, erstmals um den Davispokal spielen zu dürfen.

Die Briten fanden – wie sie später erklärten – unmögliche Verhältnisse vor: Der Rasen auf den Plätzen war viel zu. lang und zu weich, das Netz von solch schlechter Qualität, daß es alle zehn. Minuten justiert werden mußte, die Bälle weich und beim geringsten Effet die Form eines Eies annehmend. Außerdem war es zu heiß, und dann regnete es. Diese Äußerungen darf man allerdings mit einiger Skepsis zur Kenntnis nehmen: Die Briten verloren 0:3, und die Entschuldigungen der Spieler waren im Jahre 1900 kaum anderer Natur als 1971. Nach dieser Abfuhr ließen die Briten eine neuerliche Herausforderung für 1901 erst einmal sein. 1902 unterlagen sie nur noch knapp, und 1903 siegten sie gar schon 4:1. Der Cup machte seine erste Überseereise. Im gleichen Jahr erhielt der Wettbewerb durch die Teilnahme Belgiens und Frankreichs größere Internationalität.

Die erste Davispokale-Begegnung mit einer deutschen Mannschaft fand vom 3. bis 5. Juni 1913 in Wiesbaden statt und wurde gegen Frankreich 4:1 gewonnen. In die Herausforderungsrunde gelangten deutsche Spieler allerdings erst 1970 mit den alternden Stars Dr. Kuhnke und Bungert, die übrigens gegen die USA 0:5 verloren. 46mal standen die USA in der Herausforderungsrunde, 37mal Australien, 15mal Großbritannien, neunmal Frankreich, je zweimal Italien, Spanien und Rumänien, je einmal Indien, Mexiko, Japan und die Bundesrepublik Deutschland. Die USA gewannen diese Finale 24mal, Australien 23mal, Großbritannien neunmal, Frankreich sechsmal.

Dwight Filley Davis ist auf dem Friedhof Arlington/Washington begraben. Er war Kriegsminister der USA und Gouverneur auf den Philippinen. In seinem seltenen Fall hat die Popularität des Sportlers die des Politikers weit überdauert.