Von René Drommert

Als ich das dicke Buch durchgelesen hatte, blieb, es klingt so unverständig und widersinnig, die Frage: Na und? Es war, als fehlte mir eine Pointe, eine Bilanz, eine Schlußfolgerung. Liegt das an falscher Erwartung?

Das Buch ist das Werk einer Schauspielerin, natürlich. Wer kennt sie nicht? Die Regisseure Reinhardt, Brahm, Piscator, Jessner, Gründgens, Barlog, Schuh, Käutner, Schweikart kannten sie, die meisten von ihnen arbeiteten mit ihr, priesen sie. Sie wurde geehrt, laut und öffentlich mit vielen Ehrenmitgliedschaften und mit Titeln (zum Beispiel erhielt sie in Nordrhein-Westfalen den Professorentitel), stiller und nachhaltiger durch Künstler, denen sie Modell saß, für Porträts oder Kompositionen, wie Liebermann, Slevogt, Barlach, Renoir.

Doch das Buch einer Schauspielerin? Wenn man unter Schauspielerei, was gängig ist, auch eine totale innere Enthemmtheit, eine geis:igseelische Prostitution versteht, nein, dann ist das Buch von

Tilla Durieux: "Meine ersten neunzig Jahre", Erinnerungen, Die Jahre 1952–1971, nacherzählt von Joachim Werner Preuß; F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung, München/Berlin; 472 S., 28,– DM

nicht das Buch einer Schauspielerin.

Die Autorin prostituiert sich nicht. Tilla Durieux selber schreibt über ihr eigentliches Meter: "... unter der Maske der Rolle wird jede geheimste Regung dem Publikum enthüllt. Nur der Schauspieler reißt sich vor der Öffentlichkeit jede Maske ab, bis zuletzt nur das zuckende Fleisch übrigbleibt, er tut es unbewußt, weil ihn eine unbekannte Macht dazu zwingt."