Mit der vom Zentralbankrat beschlossenen Senkung des Diskonts, an dem sich die Zinsen in der Bundesrepublik orientieren, hat sich die Nachfrage nach festverzinslichen Wertpapieren verstärkt. Die Kreditinstitute waren aber schon in den letzten Wochen nicht mehr in der Lage, die Zeichnungswünsche ihrer Kundschaft bei Neuemissionen voll zu befriedigen.

Seit einigen Wochen steigen auf dem Rentenmarkt die Kurse. Die jüngste Diskontsenkung hat den Übergang vom 8auf den 7 3/4prozentigen Nominalzins ermöglicht. Glauben Sie, daß eine weitere Zurücknahme des Nominalzinssatzes für inländische Anleihen auf 7 1/2 oder 7 Prozent noch in diesem Jahr möglich ist?

Meissner: Die jetzt erreichte Zinssenkung auf dem deutschen Kapitalmarkt, die in der neuen 7 3/4prozentigen Bahn-Anleihe zum Ausdruck kommt, wird sich weiter fortsetzen. Es ist zu erwarten, daß der 7 3/4prozentige Anleihetyp einen Übergang zum 7 1/2-Prozenter darstellt. Wenn im November dieses Jahres die von der Bundesbank beschlossene Mindestreservesenkung wirksam wird, und die Liquidität aus den Devisentermingeschäften der Bundesbank an den Markt kommt, kann damit gerechnet werden, daß 7 1/2prozentige Neuemissionen der Marktlage entsprechen.

Die entscheidende Frage ist, ob die privaten Anleger, die die jüngste Aufwärtsbewegung der Rentenkurse und damit die Zinssenkung bewirkt haben, noch weiterhin am Rentenkauf interessiert bleiben. Dies ist zu erwarten, jedoch sollte der Kapitalmarktausschuß in der Dosierung der neuen Anleihen weiter Vorsicht walten lassen. Vor dem Übergang zum 7 1/2-Prozenter sollte der Markt, auch wenn die 7 3/4prozentigen Anleihen der Bundesbahn und der RWE erfolgreich sind, mit weiteren 7 3/4prozentigen Emissionen sorgfältig getestet werden. Diese Vorsicht ist nötig, weil eine Zinssenkung langfristig schwierig zu erzielen und zu halten ist, wenn der Kaufkraftschwund im heutigen Umfang anhält.

Die Bundesregierung bemüht sich, den Aufwertungssatz der Mark gegenüber dem Dollar zu drücken. Halten Sie es für möglich, daß Ausländer zur Sicherstellung etwaiger Aufwertungsgewinne in nächster Zeit auf Mark lautende Auslandsanleihen verkaufen werden?

Meissner: Nach der Aufwertung von 1969 erfolgte tatsächlich ein stärkerer Verkaufsdruck auf dem Markt der Mark-Auslandsanleihen. Diesmal scheint die Lage günstiger zu sein, da der nach dem "Floating" der Mark einsetzende Abgabedruck im Verlauf des Sommers 1971 durch Anlagekäufe aufgefangen und mehr als ausgeglichen wurde. Durch das Verzinsungsverbot von Mark-Einlagen bei den Banken sind auch weiter-, hin die ausländischen Anleger auf Käufe von kuponsteuerfreien Mark-Auslandsanleihen angewiesen.

Wenn man davon ausgeht, daß die Mark-Aufwertung gegenüber dem Dollar einen gewissen Höchststand erreicht hat, ist für den deutschen Anleger dann nicht der Erwerb hochverzinslicher Dollar-Anleihen interessant?