Im August des Jahres 1942 fuhr Franz Stangl nach" Treblinka. Als er — fast dreißig Jahre später — zu erzählen begann, was dort, in dem Vernichtungslager, geschah, wurde seine Stimme heiser, wie schon so oft in den Tagen davor, sobald er über etwas besonders Fürchterliches, Grauenhaftes sprechen mußte.

„Ich bin mit einem SS Fahrer hingefahren. Wir konnten es kilometerweit riechen. Die Straße lief neben den Eisenbahnschienen. Als wir vielleicht fünfzehn, zwanzig Minuten weg waren, begannen wir Leichen neben den Schienen zu sehen. Erst zwei oder drei, dann mehr, und als wir beim Bahnhof ankamen, da waren es Hunderte; die lagen nur so da, offensichtlich seit Tagen, in der Hitze. Im Bahnhof stand ein Zug voll von Juden. Einige tot, einige noch lebendig. Es schaute aus, als ob der Zug schon seit Tagen dort gestanden hätte "

„Aber all dies war ja nichts Neues für Sie. Sie hatten doch diese Transporte schon seit Monaten in Sobibor gesehen?"

„Um Gottes willen, nicht so. Und in Sobibor — ich hab Ihnen doch gesagt, wenn man nicht direkt in dem Wald gearbeitet hat, konnte man wochenlang leben, ohne irgend jemanden sterben oder tot zu sehen. Treblinka an diesem Tage war das Ärgste, das ich während des ganzen Dritten Reiches gesehen hab "

Wieder vergrub Stangl sein Gesicht in den Händen „Die schreckliche, schreckliche Leichtigkeit, mit der der Tod kam. Es war Dantes Inferno", sagte er durch seine Finger hindurch, „Dantes Inferno lebendig geworden — Als das Auto auf dem Sortierplat? stehenblieb, stieg ich bis zum Knie in Geld hineuil Ich wußte nicht, ob rechts oder links. Ich watete in Münzen, Papiergeld, Diamanten, Gold und Silber, Juwelen und Kleidungsstücken. Der Geruch war unbeschreiblichrÜberall Hunderte, nein Tausende verwesender, zerfallener Leichen. Ein paar hundert Meter weg auf der anderen Seite des Stacheldrahtes, am Waldrand, waren Zelte und Feuer mit Gruppen von Ukrainern und Mädchenhuren, schwer betrunken, tanzend, singend, Musik spielend. Später fand ich heraus, daß alle Huren von Warschau nach Treblinka kamen.

Dr. Eberl, der Kommandant, hat mich herumgeführt Überall wurde wild geschossen. Ich fragte, was mit den Wertsachen passiert war, warum die nicht ins Hauptquartier geschickt wurden. Er sagte — trotz dem ganzen- Zeug, durch das wir wateten, sagte er: Die Transporte werden ausgeplündert, bevor sie Warschau überhaupt verlassen.

Ich bin dann sofort zurück nach Warschau und hab Globocnik gesagt, daß es unmöglich war. Kein Befehl, wie er ihn mir gegeben hatte, konnte dort ausgeführt werden. Das ist das Ende der Welt dort, hab ich ihm gesagt und beschrieb die Tausende von verrotteten Leichen. Er sagt: Es soll ja das Ende der Welt für die sein. Er hat mir befohlen, die Nacht in Warschau zu bleiben. Er würde Wirth herrufen (den Inspektor aller Todeslager in Polen). Ich hatte gehört, daß der neue Polizeichef von Warschau ein Mann vom Heimatort meiner Frau in Österreich war. Ich bin von Globocniks Büro sofort zu ihm gefahren und habe ihn gebeten, mir zu helfen. Er hat es dann auch versucht, aber es ging nicht.