Im August des Jahres 1942 fuhr Franz Stangl nach" Treblinka. Als er — fast dreißig Jahre später — zu erzählen begann, was dort, in dem Vernichtungslager, geschah, wurde seine Stimme heiser, wie schon so oft in den Tagen davor, sobald er über etwas besonders Fürchterliches, Grauenhaftes sprechen mußte.

„Ich bin mit einem SS Fahrer hingefahren. Wir konnten es kilometerweit riechen. Die Straße lief neben den Eisenbahnschienen. Als wir vielleicht fünfzehn, zwanzig Minuten weg waren, begannen wir Leichen neben den Schienen zu sehen. Erst zwei oder drei, dann mehr, und als wir beim Bahnhof ankamen, da waren es Hunderte; die lagen nur so da, offensichtlich seit Tagen, in der Hitze. Im Bahnhof stand ein Zug voll von Juden. Einige tot, einige noch lebendig. Es schaute aus, als ob der Zug schon seit Tagen dort gestanden hätte "

„Aber all dies war ja nichts Neues für Sie. Sie hatten doch diese Transporte schon seit Monaten in Sobibor gesehen?"

„Um Gottes willen, nicht so. Und in Sobibor — ich hab Ihnen doch gesagt, wenn man nicht direkt in dem Wald gearbeitet hat, konnte man wochenlang leben, ohne irgend jemanden sterben oder tot zu sehen. Treblinka an diesem Tage war das Ärgste, das ich während des ganzen Dritten Reiches gesehen hab "

Wieder vergrub Stangl sein Gesicht in den Händen „Die schreckliche, schreckliche Leichtigkeit, mit der der Tod kam. Es war Dantes Inferno", sagte er durch seine Finger hindurch, „Dantes Inferno lebendig geworden — Als das Auto auf dem Sortierplat? stehenblieb, stieg ich bis zum Knie in Geld hineuil Ich wußte nicht, ob rechts oder links. Ich watete in Münzen, Papiergeld, Diamanten, Gold und Silber, Juwelen und Kleidungsstücken. Der Geruch war unbeschreiblichrÜberall Hunderte, nein Tausende verwesender, zerfallener Leichen. Ein paar hundert Meter weg auf der anderen Seite des Stacheldrahtes, am Waldrand, waren Zelte und Feuer mit Gruppen von Ukrainern und Mädchenhuren, schwer betrunken, tanzend, singend, Musik spielend. Später fand ich heraus, daß alle Huren von Warschau nach Treblinka kamen.

Dr. Eberl, der Kommandant, hat mich herumgeführt Überall wurde wild geschossen. Ich fragte, was mit den Wertsachen passiert war, warum die nicht ins Hauptquartier geschickt wurden. Er sagte — trotz dem ganzen- Zeug, durch das wir wateten, sagte er: Die Transporte werden ausgeplündert, bevor sie Warschau überhaupt verlassen.

Ich bin dann sofort zurück nach Warschau und hab Globocnik gesagt, daß es unmöglich war. Kein Befehl, wie er ihn mir gegeben hatte, konnte dort ausgeführt werden. Das ist das Ende der Welt dort, hab ich ihm gesagt und beschrieb die Tausende von verrotteten Leichen. Er sagt: Es soll ja das Ende der Welt für die sein. Er hat mir befohlen, die Nacht in Warschau zu bleiben. Er würde Wirth herrufen (den Inspektor aller Todeslager in Polen). Ich hatte gehört, daß der neue Polizeichef von Warschau ein Mann vom Heimatort meiner Frau in Österreich war. Ich bin von Globocniks Büro sofort zu ihm gefahren und habe ihn gebeten, mir zu helfen. Er hat es dann auch versucht, aber es ging nicht.

Wirth kam den nächsten Tag, und wir fuhren zurück nach Treblinka. Er hatte sofort eine lange Besprechung mit Eberl. Ich ging in die Kantine, um Kaffee zu trinken mit den Offizieren. Sie sagten, sie hätten eine große Gaudi: Schießen war ihr Sport.

Es lag mehr Geld und Zeug herum, als man sich je erträumen konnte, und man brauchte sich nur zu bedienen. Am Abend tanzten nackte Jüdinnen auf den Tischen. Ekelhaft — es wir alles ekelhaft. Beim Abendessen später hat Wirth angekündigt, daß Eberl und vier andere für eine wichtige Aufgabe abberufen sind und dß er selbst eine Weile dableiben würde. Eberl und die anderen führen den nächsten Morgen weg. Wirth blieb zwei Wochen oder so und reorgarisierte das Lager. Er hats aufgeräumt, das muß ich ihm lassen. Er rief Warschau an und hat gesagt, alle Transporte müssen aufhören, bis es wieder sauber ist "

„Und was haben Sie während dieser Zeit gemacht?"

„Ja, ich hatte ja meine eigene Aufgabe: den Tatsachenbestand über die Wertsachen festzustellen. Ich hatte das komische Gefühl, daß Winh und Eberl sich zusammengetan hatten Stangl sprach jetzt wie ein Kriminalbeamter, der a n einem Fall interessiert ist „Es schien mir, als ob das fürchterliche Durcheinander fast absichtlich war. Verstehend? Je unmöglicher eine ricitige Kontrolle war, desto leichter war es, das Hauptquartier in Warschau zu umgehen und die Wertsachen direkt an die Führerkanzlei in Berlin zu schicken "

Stangl hatte Eberts Quartier in der Kommandantenbaracke übernommen, Wirth hatte das Gästezimmer neben ihm. Eines Abends sagte ihm Wirth, daß Kurt Franz (Stangls späterer Stell. Vertreter) in Kürze in Treblinka eintreffen werde, um „diesen Haufen in Schwung zu bringen". „Ich bin zurück zum Globocnik", fuhr Stangl fort, „und ich hab ihm gesagt, daß meiner Meinung nach Eberl und Wirth sich zusammengetan hätten, um die Wertsachen aus Treblinka anstatt in das Hauptquartier in Warschau nach Berlin zu schicken. Globocnik rief aus: Ah die Strolche, als ob das endlich etwas erklärte, was ihm schon lange ein Rätsel gewesen war. Ich hab ihm dann gesagt, daß ich bereit war, die Verantwortung dafür zu übernehmen, daß von jetzt ab alles genau an sein Büro abgeliefert wird "

Die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft erklärte im Prozeß, daß Stangl dieses Angebot nicht gemacht habe, um seine Funktion im Lager auf eine rein „polizeiliche Tätigkeit" zu begrenzen, sondern weil er gehört hatte, daß Kurt Franz kommen sollte und er selber seine Position in der Rangordnung des Lagers bewahren wollte. Wie dem auch sei, Stangl bestätigte später in unseren Gesprächen, daß Globocnik ihm von dem Tag an vollkommen traute und ihn oft mit ausgesuchter Freundlichkeit behandelte.

„Das bedeutete also, daß Sie Globocnik Ihre Mitarbeit direkt anboten?"

„Es bedeutete nur, daß ich bereit war, die mir anvertraute Aufgabe als Polizeibeamter unter seinem Befehl auszuführen "

„Aber Sie haben doch Monate vorher erkannt, daß das ein unvorstellbares Verbrechen war, was hier geschah. Wie konnten Sie dann zustimmen, daran teilzunehmen?"

„Es war eine Frage des Überlebens — immer des Überlebens. Was ich, während ich weiter , strebte, aus der ganzen Sache herauszukommen, tun mußte, war, mein eigenes Tätigkeitsfeld auf das zu begrenzen, was ich mit meinem eigenen Gewissen verantworten konnte. In der Polizeischule hat der Rittmeister Leitner immer gesagt, daß Entscheidungen über Verbrechen auf vier Grundprinzipien beruhen müssen:, die Veranlassung, der Gegenstand, die Tathandlung und der Wille. Wenn eines von diesen vier fehlt, dann handelt es sich nicht um eine strafbare Handlung "

„Ich kann nicht verstehen, wie Sie diese Prinzipien auf diese Situation anwenden können?" „Das versuch ich ja grad Ihnen zu erklären: Die einzige Möglichkeit, diese Sache zu bewältigen, war, indem ich mein ganzes Denken in verschiedene Abteilungen einteilte. Indem ich das tat, konnte ich diese vier Prinzipien auf meine Situation anpassen. Das heißt: Wenn Veranlassung" die Nazi Regierung war, der Gegen stand die Juden und die Tathandlung die Vernichtungen — dann konnte ich zu mir sagen, daß bei mir das vierte Element — der freie Wille — fehlte "

„Außer, was die Verwaltung der Wertsachen anbetraf?"

„Ja. Aber nachdem ich die Möglichkeit illegaler Transaktionen nachgewiesen hatte, wurde das ein legitimer polizeilicher Auftrag "

„Aber diese Wertsachen, die Sie sich jetzt bereit erklärten zu verwalten, hätte es doch ohne die Vernichtungen nicht gegeben. Wie konnten Sie, sogar in Ihren eigenen Gedanken, eines von dem ändern trennen?"

„Das konnte ich, weil mein spezieller Auftrag ja vom Anfang an die Verantwortung für diese Sachen war "

„Und was wäre geschehen, wenn Ihr spezieller Auftrag die Vergasungen gewesen wären?" „Waren sie aber nicht", sagte Stangl trocken und fügte hinzu: „Das machten zwei Russen, Ivan und Nikolov "

Dann setzte er seinen Bericht fort: „Ich bin immer sehr früh aufgestanden. Die Mannschaft war immer wütend, weil ich meinen ersten Rundgang um fünf Uhr früh machte. Ich bin auch immer zum, Totenlager hinauf. Um "sieben Uhr ging ich frühstücken. Später bauten wir uns dann unsere eigene Bäckerei. Einer unserer Arbeitsjuden war ein fabelhafter Wiener Bäcker. Der machte herrliche Kuchen, Semmerln und sehr gutes Brot. Dann haben wir natürlich unser Armeebrot den Arbeitsjuden gegeben "

„Natürlich? Haben das alle gemacht?"

„Das weiß ich nicht. Ich habs gemacht. Warum auch nicht, die konntens gebrauchen. Ich hab auchanderes unternommen, um ihnen Extraessen zu verschaffen. Sie wissen, die Polen hatten Lebensmittelkarten, na ja, wie ja überall: ein Ei die Woche, a bisserl Fett oder a bisserl Fleisch. Da ist mir eingefallen, wenn jeder in Polen das Anrecht auf Lebensmittelkarten hatte — wenn das das Gesetz war —, na ja, unsere Arbeitsjuden waren ja auch in Polen und hatten dann auch das Recht auf Lebensmittelkarten. Ich hab den Maetzig, meinen Buchhalter, zum Ortsrat hinuntergeschickt. Ich hab ihm gesagt, die sollen uns 1000 Lebensmittelkarten für unsere tausend Arbeitsjuden geben "

„Und was ist geschehen?"

Stangl lachte: „In der ; Überraschung gaben sie ihm tausend provisorische Karten für die Woche. Aber nachher haben sich die Polen im Hauptquartier beschwert, und da haben sie mir beim Globocnik schon wieder einmal den Text gelesen. Macht nichts, es war es wert. Wenigstens hatten wir diese eine Woche tausend Eier für die Leut "

„Um auf Ihre Routinerundgänge im Lager zurückzukommen: Was haben Sie nach dem Frühstück gemacht?"

„Ungefähr um acht bin ich in mein Büro gegangen "

„Wann sind die Transporte angekommen?" „Ungefähr um die Zeit "

„Waren Sie denn da nicht dabei?"

„Nicht unbedingt. Manchmal ging ich hinüber, manchmal nicht "

„Wie viele Leute waren in einem Transport?" „Gewöhnlich ungefähr 5000, manchmal mehr " „Haben Sie je mit den Leuten, die angekommen sind, geredet?"

„Geredet? Nein . Aber ich erinner mich, einmal auf der Rampe kam ein Jude auf mich heran — anständig aussehender Kerl —, ist ge rade gestanden und hat gesagt, er wolle sich beschweren. Da hab ich gesagt: Ja natürlich, was ist es denn? Er hat gsagt, daß einer der Litauer (die Transportwachmannschaften waren ja alle Litauer) ihm Wasser versprochen hatte, wenn er ihm seine Uhr geben würde. Aber dann hatte er die Uhr genommen, ihm aber kein Wasser gegeben. Ja also, das war ja nicht richtig, nein? Auf jeden Fall, klauen hats bei mir nicht gegeben. Ich hab die Litauer sofort gefragt, wer die Uhr genommen hatte. Aber es hat sich niemand gemeldet. Franz —r- Sie wissen, Kurt Franz — flüsterte mir zu, daß es sich um einen der litauischen Offiziere handeln könnte, und ich könnte doch nicht einen Offizier öffentlich blamieren. Ich hab ihm gesagt: Es interessiert mich absolut nicht, was ein Mann für eine Uniform trägt, mich interessiert nur, was in ihm drinnen steckt. Das ist auch sofort nach Warschau weitergegangen, aber das war mir ganz wurscht. Ich hab sie alle antreten und ihre Taschen umkehren lassen "

„Die Litauer? Vor den Gefangenen?"

„Ja, was sonst? Wenn es eine Beschwerde gibt, muß man ihr auf den Grund gehen. Natürlich, die Uhr haben wir nicht gefunden. Der sie genommen hat, hatte sie schon lang verschwinden lassen "

„Was geschah mit dem Mann, der sich beschwert hatte?"

„Ich weiß nicht. Natürlich, wie gesagt, gewöhnlich arbeitete ich in der Früh in meinem Büro. Bis ungefähr elf. Da war ja sehr viel Korrespondenz und so weiter. Dann machte ich meinen nächsten Rundgang, angefangen mit dem Totenlager. Da hat der Betrieb schon gelaufen " Damit meinte Stangl, daß die 5000 Menschen, die am Morgen angekommen waren, bereits tot waren „Der Betrieb" war die Arbeit mit den Leichen. Ich wollte ihn dazu bringen, selber über die Opfer zu sprechen, und fragte ihn, wo denn die Menschen blieben, die mit dem Transport kamen. Aber immer wieder wich er aus, niemals sprach er von ihnen als von „Menschen".

„Oh, da war gewöhnlich unten alles fertig — in zwei, drei Stunden war der Transport erledigt. Um 12 Uhr ging ich Mittag essen und dann eine halbe Stunde ausruhen. Dann noch ein Rundgang und mehr Arbeit im Büro " „Was haben Sie am Abend gemacht? "

„Nach dem Nachtmahl sind die Leute rumgesessen und haben geplaudert. Als ich erst kam, haben sie stundenlang in der Messe gesoffen. Aber das hab ich abgestellt. Nachher tranken sie in ihren Zimmern "

„Was haben Sie gemacht? Hatten Sie dort Freunde, irgend jemanden, mit dem Sie reden konnten?"

„Niemand. Niemand, mit dem ich wirklich sprechen konnte. Ich kannte eigentlich keinen von denen "

„Selbst nach einer Weile, nach einem Monat?" Stangl zuckte die Achseln „Was ist ein Monat? Ich hab nie jemand dort gefunden wie den Michel, mit dem ich frei über diese Schweinerei und was ich darüber dachte, sprechen konnte. Ich bin gewöhnlich in mein Zimmer und zu Bett gegangen "

„Haben Sie gelesen?"

„Oh nein, ich hätt dort nicht lesen können. Ich war zu unruhig. Und es war auch nicht viel zum Lesen da. Um zehn Uhr war das Licht aus, und nachher war alles ruhig. Außer wenn die Transporte so groß waren, daß die Arbeit die Nacht durch weiterging "

„Das war also Ihre tägliche Routine. Aber, was fühlten Sie, innerlich? Gab es irgend etwas, was Ihnen Freude machte?"

„Ja, es interessierte mich herauszufinden, wer schwindelte. Wie ich Ihnen schon gesagt hab, es war ganz gleich, wer es war. Mein Berufsethos verlangte, daß, was gesetzlich verkehrt war, richtig gestellt werden mußte. Und mein Auftrag hat mich erfüllt. Da war ich ehrgeizig. Das will ich nicht leugnen "

„Kann man sagen, daß Sie sich an die Vernichtungen gewöhnt hatten?"

Stangl dachte lange Zeit nach „Um die Wahrheit zu sagen", sagte er dann langsam, „man hat sich daran gewöhnt "

„In Tagen? Wochen? Monaten?"

„Monaten. Es waren Monate, bevor ich einem von ihnen in die Augen schauen konnte. Ich hab alles verdrängt, indem ich immer weiter baute — immer mehr: bessere Baracken, Reviere, neue Küchen, Gärten; einen Torbogen bauten wir, nach altdeutschem Muster; einen Zoo — das hätten Sie sehen sollen: Wir hatten alle möglichen Vögel und auch Füchse. Und dann haben wir natürlich überall Blumen gepflanzt, Birken, Wacholdersträucher — es war wirklich schön Es gab Plünderte von Möglichkeiten, die Wirklichkeit zu verdrängen", sagte er nach weiterem Nachdenken, jetzt offensichtlich müde und niedergeschlagen „Ich benützte sie alle "

„Trotzdem, wenn Sie das so stark empfunden haben, dann mußte es doch Augenblicke geben, vielleicht in der Nacht, wo Sie es nicht vermeiden konnten, nachzudenken?"

Stangl schüttelte den Köpf „Am Ende hat nichts geholfen als Trinken. Ich nahm jeden Abend ein großes Glas Schnaps zu Bett mit mir " „Ich glaube, Sie vermeide n, direkt zu antworten "

„Nein, das will ich gar, nicht. Natürlich kamen die Gedanken und, ja — besonders am Abend. Aber ich hab sie weggeschoben. Ich zwang mich dazu, mich auf die Arbeit zu konzentrieren " „Kann man sagen, daß der Moment kam, wo Sie fühlten, daß es sich hier nicht wirklick um Menschen handelte?"

Seine Antwort war kaum zu hören, er sprach leise, in der halbträumerischen Art, in der man manchmal etwas lang Vergessenes, an das man sich plötzlich wieder erinnert, erzählt: „Jahre später, in Brasilien, hab ich zuerst, bevor ich zu Volkswagen ging, bei einer Textilfirma gearbeitet. Da mußt ich viel reisen. Da blieb der Zug einmal irgendwo in einem kleinen Ort neben einem riesigen Schlachthof stehen. Das Vieh, angelockt Vom Lärm des Zuges, kam an den Zaun heran. Hunderte von ihnen, sehr nahe vor meinem Fenster, einer dicht neben dem ändern — sie starrten mich an. Und ich dachte: Schau dir das an. Das erinnert dich an Polen. Das ist genau, wie die Leute damals geschaut haben, gerade bevor sie in die Konservenbüchsen gingen „Konservenbüchsen? Was meinen Sie damit?" Aber Stangl schien mich nicht zu hören. „ ich konnte nachher kein Büchsenfleisch mehr essen. Diese großen runden Augen, die mich treuherzig anschauten, ohne zu wissen, daß sie ein paar Minuten später alle tot sein würden Er hörte auf zu sprechen, sein Gesicht war naß, er war blaß und erschöpft. Auf einmal sah er alt aus, aufgebraucht — so wie er wirklich war. „Also, Sie fühlten, daß die Juden nidn Menschen waren?"

„Ware", sagte er tonlos, „sie waren Ware Er hob seine Hand und ließ sie wieder fallen. Er machte nicht den leisesten Versuch, seine Verzweiflung zu verbergen.

„Wann glauben Sie, fühlten Sie zuerst, daß diese Menschen Ware waren? Als Sie mir Ihr Entsetzen über Ihren ersten Eindruck von Treblinka beschrieben — die Leichen, die überall lagen — die waren da doch nicht Ware für Sie?"

„Ich glaub, es begann an dem Tag, als ich das erste Mal ins Totenlager dort ging. Ich erinner mich, der Wirth stand neben einer Grube voll von blauschwarzen Leichen. Das hatte nichts mit Menschen zu tun, das konnte nichts damit zu tun haben. Es war nur eine Masse, eine Masse von verwesendem Fleisch. Wirth sagte: Was sollen wir mit diesem Abfall tun? Ich glaub, unbewußt hab ich da begonnen, an sie als Ware zu denken "

„Da waren doch so viele Kinder dabei. Haben Sie je an Ihre eigenen Kinder gedacht? Und daran, was Sie fühlen würden, wenn Sie in der Lage dieser Eltern wären?"

„Nein", sagte Stangl langsam und fast bedauernd „Ich kann nicht sagen, daß ich je so gedacht hab Er dachte nach „Sehen Sie", fuhr er dann fort, als suche er in sich selber endlich die Wahrheit, „ich sah sie selten als Einzelmenschen. Es war immer eine Riesenmasse. Aber wie kann ich es erklären? Sie waren nackt, zusammengepfercht, rennend, mit Peitschen getrieben wie — er stockte, stützte den Kopf in die Hand, die Hand vor den Augen.

„HättenSie das nicht ändern können, in Ihrer Stellung? Das mit der Nacktheit, den Peitschen?" „Nein, nein, nein! Das war das System. Wirth hat es erfunden. Es funktionierte. Und weil es funktionierte, war es unabänderlich "

„Was erschreckte Sie am tiefsten?"

„Die Auskleidebaracke", sagte Stangl sofort. „Ich hab sie vom Innersten heraus gemieden. Ich vermied um jeden Preis, mich denen zu nähern, die sterben mußten. Ich konnte es nicht aushaken "

„Aber gab es keine Augenblicke, in denen diese Mauer, die Sie um sich herumgebaut hatten, durchbrochen wurde? Wenn der Anblick zum Beispiel eines Kindes Sie zwang, sich selber einzugestehen, daß das Menschen waren?"

„Da war ein rotblondes Mädel", erinnert er sich, „ein richtig schönes Mädel. Sie arbeitete gewöhnlich beim Arzt im Revier. Aber einmal, als eine von unseren Stubenmädeln krank war, kam sie für eine Zeitlang aushelfen, im Quartier. Es war gerade um die Zeit, als ich für die Arbeitsjuden neue Baracken gebaut hatte, mit mehreren Einzelzimmern. Dieses Mädel — einer der Kapos war ihr Freund "

„Was für eine Nationalität hatte sie?"

„Ich glaub Polin. Aber sie sprach gut Deutsch. Sie war also ein gut erzogenes Mädel. Also, den Tag klopfte sie an die Tür und fragte, ob sie Staub wischen könne und irgend so was. Ich nahm an, als sie hereinkam, hab ich gedacht: Was für ein fesches Mädel sie ist und daß jetzt diese neuen Zimmer da waren -und jetzt kann sie ein bisserl Privatleben haben mit ihrem Freund. Das hab ich sie halt gefragt, nur um nett zu sein: Hast dir schon ein Zimmer ausgesucht? Ich erinner mich, sie hat mit dem Staubwischen aufgehört und ist still gestanden und hat mich angeschaut. Dann hat sie gsägt — sehr ruhig: Warum fragen Sie? "

Sogar jetzt, fast dreißig Jahre danach, verriet sein Ton Erstaunen darüber, daß dieses Mädchen ihm nicht wie ein Untertan ihrem Herrn, sondern wie ein freier Mensch dem Mann, den sie ablehnte, geantwortet hat. Stangl war sich dessen noch jetzt bewußt. Die Wahl seiner Worte bewies das.

„Ich hab gesagt: Warum soll ich nicht fragen? Ich kann ja fragen, nein? Und wieder stand sie nur sehr still, ganz gerade da und schaute mir in die Augen. Dann sagte sie: Kann ich jetzt gehen? Und ich sagte: Ja, natürlich. Und sie ging. Ich hab mich so geschämt. Ich wußte, sie dachte, ich hätte gefragt, weil — na ja. Sie wissen ja, weil ich sie selbst wollte. Ich hab sie so bewundert, für ihren Mut, für ihr Kann ich jetzt gehen?. Ich hab mich noch tagelang geschämt, weil sie mich mißverstanden hat "

„Wissen Sie, was mit ihr später geschehen ist?" Ich stellte diese Frage jedesmal, wenn er über einen einzelnen Gefangenen sprach. Aber die Antwort war immer dieselbe, in demselben distanzierten Ton, mit demselben höflich interessierten Gesichtsausdruck:

„Ich weiß nicht "

„Aber mit den Arbeitsjuden hatte ich Kontakt", fuhr Stangl dann fort „Wissen Sie — ganz freundliche Beziehungen. Sie fragten mich vor einer Weile, ob mir irgend etwas Freude gemacht hat. Außer meiner speziellen Aufgabe — was mir Freude gemacht hat, waren menschliche Beziehungen. Besonders mit Leuten wie dem Singer und dem Blau. Die waren beide Wiener. Ich hab immer versucht, so viele der guten Arbeiten wie möglich Juden aus Wien zu geben. Das hat natürlich auch eine Menge Zungen in Bewegung gebracht. Aber schließlich und endlich war ich ja Österreicher. Den Singer machte ich zum Chef der Totenjuden. Aber am meisten habe ich mit dem Blau geredet, ihm und seinejFrau. Ihn hab ich zum Koch ernannt, im Arbeitslager. Er und seine Frau hatten eine Kammer, ein kleines Zimmer, neben der Küche. Der hat gewußt, ich würde immer helfen, wo ich konnte.

Eines Tages klopfte er in der Früh an die Tür von meinem Büro, kam herein, stand hab Acht und bat um Erlaubnis, mit mir zu sprechen. Er schaute sehr besorgt aus. Ich sagte: Aber natürlich, Blau. Kommens herein. Was haben Sie denn auf dem Herzen? Er sagte, es war sein SOjähriger Vater; er sei diesen Morgen mit dem Transport angekommen. Könnte ich etwas tun? Ich hab gesagt: Also, Blau, Sie müssen verstehen, das ist unmöglich. Ein Mann von achtz i g Er sagte schnell, ja, das verstehe er natürlich. Aber dürfte er mich um Erlaubnis bitten, seinen Vater ins Lazarett zu führen (wo die Opfer erschossen wurden) statt in die Gaskammer. Und könnte er seinen Vater erst in die Küche nehmen, um ihm etwas Zu essen zu geben. Ich hab gesagt: Ja, tuns, was Sie fürs Beste halten, Blau. Offiziell weiß ich nichts davon. Aber inoffiziell können Sie dem Kapo sagen, ich hab gesagt, es geht in Ordnung. Am. Nachmittag, als ich in mein Büro zurückkam, war er schon wieder da und wartete auf mich. Er hatte Tränen in den Augen. Er stand hab Acht und sagte: Herr Hauptsmrmfuhrer, ich wollt mich nur bedanken. Ich hab meinem Vater zu essen gegeben, und ich hab ihn gerad ins Lazarett geführt — es ist schon alles vorüber. Dank Ihnen vielmals. Ich hab gesagt: Ja, Blau, da ist ja gar kein Grund, mir zu danken. Aber natürlich, wenn Sie mir danken wollen, dann können Sie es tun "

„Und was ist später mit Blatt und seiner Frau passiert?"

„Ich weiß nicht Wieder dieses: „Ich weiß nicht