Die Lockerung der Kreditrestriktionen durch den Zentralbankrat blieb für die Aktien ohne Wirkung. Am Wochenbeginn strebten sie einem neuen Jahrestiefstand entgegen. Weder die Aussicht auf einen niedrigeren Zins noch auf die wachsende Menge liquider Mittel, durch Freigabe von Mindestreserven, die von den Kreditinstituten bei der Bundesbank zinslos unterhalten werden müssen, hat zu Aktienkäufen angeregt. Immer deutlicher wird sichtbar, daß die Gewinnerwartungen zum entscheidenden Maßstab für die Kursbewertung werden. Und in dieser Hinsicht sieht es traurig aus. Trauriger, als man noch vor einigen Monaten wahrhaben wollte.

In Anlegerkreisen stellt man sich auf eine harte Tarifrunde in der Metallindustrie ein. Streiks werden für möglich gehalten. Aus den letzten Zwischenberichten wird ersichtlich, daß ein großer Teil der Stahlunternehmen keinen Spielraum mehr für steigende Kosten hat. So ist es der Stahlindustrie unmöglich, höhere Lohnkosten in den Preisen weiterzugeben. Das Tempo des Marsches in die roten Zahlen wird folglich schneller.

Wenn in dieser Situation noch Steuererhebungen und eine Gewinnabgabe für Arbeitnehmer diskutiert werden, so ist das nicht geeignet, das Publikum zum Aktienkauf anzuregen. Schließlich will man an Aktien verdienen. Das ist aber nur möglich, wenn es den Unternehmen selbst gut geht.

Die Anlagemittel fließen daher fast ausschließlich in die festverzinslichen Werte. Ein Geschäft ohne Risiko, denn zum Jahresschluß werden wir mit ziemlicher Sicherheit den 7 1/2 prozentigen Nominalzins haben, was nichts anderes bedeutet, daß die jetzt herauskommenden 7 3/4prozentigen Emissionen mit 100 Prozent oder leicht darüber notiert werden.

Unter den gegenwärtigen Umständen hat sich das Veba-Bezugsrecht noch überraschend glatt abwickeln lassen. Wer auf extrem niedrige Kurse spekuliert hatte, kam nicht auf seine Rechnung. Mit dem Veba-Bezugsrecht sind die "großen" Kapitalerhöhungen in diesem Jahr abgeschlossen. Sollte sich die Tendenz überraschend bessern, ist damit zu rechnen, daß noch eine Anzahl kleinerer Unernehmen ihr "genehmigtes Kapital" ausnutzen wird.

Die spekulativ eingestellten deutschen Anleger werden nicht nur vom Favoritensterben (zum Beispiel Audi-NSU-Genußschein) an den deutschen Börsen betroffen, auch international halten die "Lieblinge", was man ihnen einst angedichtet hat. So stürzten jetzt die Highveld-Aktien auf 5,50 Mark. Der Höchstkurs lag bei 8,25 Mark – und auf dieser Basis galten sie bei den Spekulanten noch als "verschenkt". Highveld ist eine südafrikanische Minenaktie. Der Gewinn für 1970/71 betrug etwa 20 Pfennig je Aktie. Noch zu Beginn dieses Jahres sagten deutsche Banken einen Gewinn von knapp einer Mark voraus. Es wird lange dauern, bis sich Highveld dem Höchststand wieder genähert hat. K. V.