In die Phalanx der Plasmaphysiker, die in vielen Großlaboratorien an der Jahrhundert-Aufgabe, der kontrollierten Kernverschmelzung, arbeiten, sind Außenseiter eingebrochen. In der US-Zeitschrift "Physical Review Letters" vom 4. Oktober 1971 beschreibt ein Forscher-Team, das sich unter der Leitung von Bogdan C. Maglic an der Rutgers University im amerikanischen Bundesstaat New Jersey zusammengefunden hat, eine Maschine, deren "Ähnlichkeit mit bisher vorgeschlagenen Kernverschmelzungsanlagen nur oberflächlich ist".

Kein Wunder, denn das "Migmatron", wie die Forscher ihren Apparat nennen, hat das Licht der Welt in einem recht entlegenen Bereich der Bescheunigungsforschung erblickt, wo das Gerät allerdings "Präzetron" heißt. Das Präzetron wiederum hat zum Geburtshelfer die Mesonen fabriken, die etwa in – der ehemaligen? Atombomben-Schmiede Los Alamos in der Wüste von Nevada (LAMPF-Los Alamos Meson Physics Facility) oder in der Nähe Zürichs (SIN-Schweizerisches Institut für Nuklearforschung) entstehen. Diese Mesonenfabriken sind Beschleuniger von vergleichsweise geringer Energie. Mit ihren Protonenstrahlen lassen sich nur mittelschwere Teilchen, eben die Mesonen, erzeugen, dies aber in einer ungeheuren Anzahl, wie sie an den großen Beschleunigern auch nicht annähernd erreicht werden kann.

Mesonen sind jene Teilchen, in denen die Physiker den Kitt der Kernmaterie erkannt haben. Als diffuse Wolken umschwirren sie die Nukleonen, Protonen und Neutronen, aus denen die Atomkerne aufgebaut sind. Und durch ihr stetes Wandern von einem Nukleon zum nächsten sorgen sie für den extrem starken Zusammenhalt der Atomkerne. Durch den Beschuß von Materie mit energiereichen Teilchen können sie aus der Kernmaterie herausgeschlagen werden. Ihre Existenz als freie Teilchen ist allerdings befristet: nach wenigen millionstel Sekunden zerfallen sie.

Den Kitt der Kernmaterie besesr kennenzulernen ist ein verständlicher Wunsch der Physiker. Die Flüchtigkeit der Mesonen stand dem jedoch bislang im Wege, insbesondere konnten keine Zusammenstöße zwischen Mesonen untersucht werden. Dem kann nun Abhilfe geschaffen werden durch die "Fabriken", deren Myriaden produzierter Mesonen sich gleichsam auf Flaschen ziehen lassen, wobei es dann trotz ihrer kurzen Lebensdauer zu beobachtbaren Kollisionen kommen muß.

Als eine solche Mesonen-Flasche ist das Präzetron erdacht worden. Ein starkes Magnetfeld von wenigen Zentimetern Ausdehnung fängt die Mesonen bei ihrer Entstehung ein und zwingt sie auf Bahnen, die den Präzessionsbewegungen eines Kreisels ähneln. In einem Punkt treffen sich alle Bahnen, und hier soll es dann zur großen Mesonen-Karambolage kommen.

Wenn man nun statt der Mesonen die Kerne des schweren Wasserstoffs in dem Magnetfeld einsperrt, müßte es möglich sein, an einem Punkt eine Massenkollision von Atomkernen herbeizuführen. Wie die Rechnungen von Maglic und seinen Mitarbeitern zeigen, kommt es dabei zu so vielen Kernverschmelzungen, daß man eine kleine Fusionsmaschine hat.

Freilich, die erzeugten Energiemengen würden einstweilen noch winzig ausfallen; nur einige tausendstel Watt erhoffen sich die Forscher von einem kleinen Modell, mit dessen Aufbau an der Rutgers University begonnen wurde. Allerdings hoffen sie auch, an ihrem Modell den Fusionsprozeß so gut kennenzulernen, daß Verbesserungen und damit eine Vervielfachung der erzeugten Energie möglich werden könnten.

Vorerst ist Maglics "Migmatron" – das heißt soviel wie "Wirrwarr aus Kreisen" und soll an die durcheinanderschwirrenden Bahnen erinnern – noch ein beinahe futuristisches Projekt. Aber auch wenn die Forschungen nicht zu einem Fusionsreaktor führen, haben die Wissenschaftler doch Spaß an ihrer Idee. Jens Urst