Die Friedenspreisrede im Wortlaut

Als im Jahr 1957 Milovan Djilas’ Buch "Die neue Klasse" erschien, veränderten die Betrachtungen dieses jugoslawischen Kommunisten in entscheidender Weise das Bild, das sich die westliche Welt von der sowjetischen Gesellschaft gemacht hatte. Bis dahin hatte man angenommen, in Rußland, wo die Klassenstruktur des alten Regimes durch die Revolution beseitigt worden war, gäbe es nun die klassenlose Gesellschaft – eine unstrukturierte Masse von Werktätigen, über der ein Diktator schwebt.

In der Nachfolge von Djilas erschienen dann allenthalben Artikel, die zeigten, daß in der Sowjetunion der Technokrat im dunklen Anzug den Kommissar im Ledermantel abgelöst hatte. Und soziologische Studien wiesen nach, daß es auch in der Sowjetunion verschiedene gesellschaftliche Schichten und Gruppeninteressen gibt.

Seither sind mehr als zehn Jahre hektischer Industrialisierung vergangen. Als ich vor einiger Zeit Gelegenheit hatte, die neuen Industrien Sibiriens, zu besuchen, ihre Werkhallen, Rechenzen-, treu, Chef- und Planungsbüros, da schien mir der Unterschied zu dem, was ich in Essen oder Duisburg gesehen hatte, nur im äußeren Zuschnitt groß, im Grundsätzlichen dagegen war eine bemerkenswerte Ähnlichkeit festzustellen.

Solche Beobachtungen liegen der seit Jahren diskutierten Konvergenztheorie zugrunde – der Behauptung nämlich, daß es eine Eigendynamik des industriellen Prozesses gäbe, die dazu führt, daß das östliche und das westliche System sich aufeinander zubewegen. Sich aufeinander zubewegen, weil beide gleichermaßen von den Gesetzen der Industriegesellschaft geprägt werden, weshalb denn für beide die gleichen Sachzwänge bestünden. Zu dieser Theorie möchte ich Ihnen heute ein paar Gedanken vortragen.

Zunächst ist festzustellen, daß die beiden Systeme einander ohnehin auf sehr spezifische Weise bedingen. Jedes von ihnen denkt immer zugleich das andere mit, sieht neidvoll dessen Vorteile, ängstigt sich vor dessen Rivalität, antzizipiert dessen Bedrohung, die oft nur Projektionen der eigenen Angst sind. Und auch dies: Im Westen ist in den letzten hundert Jahren keine politische Philosophie und keine politische Partei neu entstanden, die sich nicht in Pro- oder Anti-Reaktion auf Karl Marx definieren ließe.

Umgekehrt geht die moralische, wissenschaftliche und wirtschaftliche Begründung des kommunistischen Systems, das vor fünfzig Jahren in Rußland entstand, auf die Negation des kapitalistischen Systems zurück, als dessen Antithese es sich versteht.