Ein neuer Krieg zwischen Indien und Pakistan, wie er von den Propagandisten beider Seiten an die Wand gemalt wird, wäre ein sinnloses Unternehmen – so sinnlos wie der letzte Krieg vor sechs Jahren. Aber zum Krieg entschlossene oder zum Krieg getriebene Staatsmänner und Militärs waren noch nie um Gründe verlegen, wenn es galt, ihren Völkern Blutopfer zuzumuten.

Indira Gandhi und Yahya Khan beteuern beide ihre Friedensliebe. Dennoch stehen ihre Armeen Gewehr bei Fuß an den Grenzen. Der Aufmarsch (siehe Karte) konzentriert sich im Westen wiederum auf den Pandschab, wo die pakistanischen Panzerdivisionen den indischen Zugang zum Tal von Kaschmir und indische Panzer die pakistanische Großstadt Lahore bedrohen. Im Osten, an der Grenze zwischen West- und Ostbengalen, wird schon seit langem täglich geschossen. Hier operieren die ostbengalischen Partisanen von indischem Territorium aus, gewiß nicht ohne Wissen der indischen Armee, so daß sich die pakistanischen Generäle angewöhnt haben, den Bürgerkrieg im Ostteil ihres Landes als einen indischpakistanischen Konflikt zu betrachten.

Drei Faktoren könnten den Ausbruch eines Krieges beschleunigen. Erstens wird, nach dem Ende des Monsunregens, der Partisanenkrieg in Ostbengalen heftiger werden. Angeblich rüsten sich 50 000 bis 100 000 Flüchtlinge für die Guerrilla. Zweitens wird Ende November der Winter de Pässe im Himalaja unpassierbar machen. Wollen die Pakistanis losschlagen, müssen sie es bald tun, denn sonst wird die chinesische Bündniszusage unglaubwürdig. Wollen aber die Inder das Heil im Krieg suchen, können sie getrost noch varten, um sich den Zweifrontenkrieg – in Kaschmir/Bengalen und am Himalaja – zu ersparen. Drittens kann die systematisch geschürte Kriegshysterie die Regierungen in Delhi und Islamabad wider Willen an den Rand des bewaffneten Konflikts bringen, der sich dann an jedem kleinen Grenzzwischenfall entzünden könnte. Die Geschichte kennt berühmte Fälle, daß sich Mächte "fest geblufft", das Kriegsrisiko überzogen hatten.

In beiden Lagern gibt es Kräfte, die den gordischen Knoten lieber mit dem Schwert durchschlagen als ihn geduldig aufdröseln würden. In Pakistan könnten sich die herrschenden Militärs in einem Akt der Verzweiflung auf das Abenteuer einlassen, von dem sie im voraus wissen, daß ein militärischer Sieg ausgeschlossen ist. Aber ebenso wie 1965 würde der Weltsicherheitsrat, würden die Großmächte nach ein paar Tagen vermittelnd eingreifen. Die UN würden dann, so geht die pakistanische Rechnung, "Blauhelme" zur Beobachtung an die bengalische Grenze entsenden – und so auch die Guerilla in Ostpakistan ersticken. Die Unterwerfung der Awami-Liga im vergangenen Frühjahr wäre dann quasi völkerrechtlich bestätigt, der Status quo auf unabsehbare Zeiten festgeschrieben. Auch mag es unter den Pandschab-Generälen, die heute das Volk von Bangla Desh niederhalten, Romantiker geben, die einen raschen Untergang in Ehren einem schmählichen Patt im Partisanenkrieg vorzögen.

Die "Kriegspartei" in Indien erhofft sich von einem Waffengang eine Lösung des Flüchtlingsproblems in Bengalen. Auch Indira Gandhi hat warnend vorausgesagt, daß der Tag kommen könne, da die Bürde von nunmehr neun Millionen Flüchtlingen für Indien ökonomisch, sozial und politisch unerträglich wird. Ein Blitzkrieg würde die westpakistanische Armee aus Ostpakistan vertreiben, der Awami-Liga zur Macht und den geflohenen Millionen zur Rückkehr in die Heimat verhelfen. Dies, so meinen die Befürworter des Krieges, wäre billiger als die Unterhaltung der neun Millionen, denen sich täglich Zehntausende zugesellen.

Ohne Zweifel wäre Indien militärisch im Vorteil. Es hat die materiellen Ausfälle des letzten Krieges schneller ersetzen können als die Pakistanis, die über keine eigene Rüstungsindustrie verfügen, sondern ihre Waffen für kostbare Devisen im Ausland kaufen müssen – neuerdings sogar aus Nordkorea. Für einen totalen Krieg reichen die Kraftreserven auf beiden Seiten allenfalls ein paar Wochen. Im Jahre 1965 waren die Kämpfe bereits eingeschlafen, als der Waffenstillstandsappell der UN auf dem Schlachtfeld anlangte. Weder kann Pakistan einer bewaffneten Hilfe Chinas gewiß sein (vor sechs Jahren begnügte sich Peking mit Theaterdonner), noch darf Indien auf uneingeschränkte Hilfe der Sowjetunion zählen. Moskau jedenfalls hat das Bündnis mit Delhi nicht geschlossen, um den Krieg herbeizuführen, sondern um als friedensbewahrende Macht auf dem Subkontinent im Spiel zu bleiben.

Ob Moskau, Peking oder Washington – alle haben ihrem jeweiligen Klienten in Südasien das Zaumzeug angelegt. Als Lieferanten von Geld, Krediten und Waffen (Amerikaner und Russen, belieferten beide Seiten) behalten sie Einfluß. Aber mäßigende Worte, wie Podgorny sie im Zeltlager von Persepolis gesprochen hat und Tito sie in Delhi gefunden haben mag, genügen nicht mehr.

So wie die Dinge stehen, muß Pakistan, will es den Frieden, zurückstecken. Yahya Khans Ansätze, ein ziviles Regiment in Ostpakistan einzusetzen und die umstrittene Verfassung zu reformieren, waren bisher allzu zag. Es wird des gemeinsamen Drängens aller großen Industrienationen bedürfen, um sein Regime zu Konzessionen zu bewegen, die den neun Millionen Flüchtlingen ihre Ängste nehmen. Doch sie müssen sich sputen, ehe ein Krieg noch größeres Elend bringt. Karl-Heinz Janßen