Adel verpflichtet, zumindest im Kunsthandel: Den Pariser Markt beherrscht Prinzessin Jeanne-Marie de Broglie, die Wiener Grafen verkaufen ihre Schätze durch den Baron Martin von Koblitz, und seit letztem Freitag etabliert sich die Baronin Olga von Fürstenberg in Düsseldorf. Sie muß wiederum Erzherzog Geza von Habsburg-Lothringen, dem in Genf residierenden Ur-Ur-Enkel des Kaisers Franz Josef, Rechenschaft ablegen.

Was sich hier wie ein Auszug aus dem Gotha liest, ist in Wirklichkeit ein Teil der Belegschaft von Christie’s, dem nun auch nach Deutschland expandierenden Londoner Auktionshaus.

Über ihr Adels-Image wollen sich die Briten allerdings nur halbwegs freuen. Einerseits zieren sie ihre nun 205 Jahre alte Partnerschaft mit Titeln aus aller Welt und führen: stolz eine Liste, wer alles von der Madame Dubarry bis zu Lord Harewood seine Sammlungen in King Street, im Herzen des Londoner Galerienviertels, verkaufen ließ. Andererseits aber werden sie nicht müde, auch den kleinen Mann zu umwerben.

Jedes Jahr begutachten die Auktionare von Christie’s – gratis – über 250 000 Werke vom Velasquez bis Zur Weinflasche und verkaufen davon rund zwei Drittel – gegen eine bescheidene Kommission – für unter 100 Pfund je Stück. Kunsthandel ist ein Massengeschäft, und Konfektion verlangt Expansion.

Ein paar Zahlen lassen jeden Industriellen vor Neid erblassen. Im Jahre 1954/55 erzielte die Kommanditgesellschaft Christie, Manson & Woods – kurz: Christie’s – einen Umsatz von 1,5 Millionen Pfund und wurde erstmals vom großen Rivalen Sotheby’s – ebenfalls London – übertroffen. Während der im Juli zu Ende gegangenen Saison 1970/71 nun hat sich Christie’s wieder an die Spitze gesetzt: Bei insgesamt 280 Auktionen kamen Bilder und Bücher, Waffen und Weine für 23,5 Millionen Pfund unter den Hammer – gegenüber der Verkaufssaison 1969/70 allein eine Zunahme um über 25 Prozent.

Mit den Wachstumsraten etwa eines Produktionsbetriebs oder auch einer Vertriebsgesellschaft läßt sich Christie’s Leistung indes nicht vergleichen. Glück und Zufall spielen im Kunsthandel eine größere Rolle als am Fließband von VW. So hat man Sotheby’s am Umsatz gemessen nur deshalb überholt, weil Christie’s während der Berichtsperiode das Porträt des Juan de Pareja von Velasquez für den von der Erbschaftsteuer geplagten Earl of Radnor verkaufen konnte: für den Weltrekordpreis von 2,31 Millionen Pfund oder knapp 10 Prozent aller Christie’s-Erlöse. Sotheby’s hält neuerdings einen andern Weltrekord: 20 000 Mark zahlte ein Amerikaner für eine Flasche Wein, die er seiner Frau zum 10. Hochzeitstag schenken will.

Doch Zufall und die allgemeine Kunstmarktinflation bestimmen den Geschäftsgang nicht allein. Die Expansion ist vielmehr mit modernsten Marketingmethoden geplant. Obwohl die Amerikaner weiterhin die besten Kunstkäufer sind, bleibt London der wichtigste Handelsplatz: Der Kunde gibt für den schnellen Atlantikflug weniger aus, als er in London durch den Wegfall jeglicher Romsteuer einspart.