Von Rudolf Walter Leonhardt

Es ist eine Tatsache, daß es Gruppen gab und gibt, die an den gesellschaftlich integrierten Rauschdrogen, an Barbituraten (Schlaftabletten) und Weckaminen (Aufputschmitteln), an Alkohol und Nikotin wenig Gefallen finden. Ihre Motive sind unterschiedlichster Art: In Nepal ist Whisky zu teuer; in Marokko hat der Prophet den Alkohol verboten; in Harlem wurde Heroin zum Symbol eines Verweigerungsprotests gegen die Bevorzugten der westlichen Leistungsgesellschaft.

Um sich mit den unterdrückten Farbigen solidarisch zu zeigen, übernahmen auch junge weiße Amerikaner, das ist jetzt bald zehn Jahre her, die Vorliebe für den Hanf (Marihuana, Haschisch) und den Mohn (Opium, Morphium, Heroin). Man nannte sie Hippies. Zusammen mit der Hippiekultur des Underground, mit Beat und Blues, mit Pop und Protest fanden die Rauschdrogen ihren Weg nach Westeuropa.

Die europäischen Nationen reagierten jede auf ihre eigene, sehr charakteristische Weise: Die Engländer untersuchten, was da offenbar geschah, ziemlich gelassen und hielten sich an eine in der Praxis liberale Gesetzgebung. Die Skandinavier sperrten ihre Grenzen mit rigorosen Strafbestimmungen gegen den Import ausländischen Unheils. Die Franzosen diskutierten heftig, erließen drakonische Gesetze, die nur deswegen die französische Jugend nicht dezimierten, weil sie – wie so viele französische Gesetze – kaum jemals angewandt wurden. Wir Deutschen begaben uns auf die uns vertraute Suche nach Sündenböcken.

Der Zufall wollte es, daß ich mich damals, es ist jetzt fast drei Jahre her, gerade mit der deutschen Sündenbocksuche intensiv beschäftigt und ein Buch darüber veröffentlicht hatte. Da war ich auf Homosexuelle gestoßen und auf Ehebrecher (das war damals noch strafbar), auf Abtreiber und auf Unzüchtige, auf Prostituierte und auf Kuppler, auf Haschischraucher und auf Heroinschießer. Ich fragte: Sind das wirklich alles "Kriminelle"? Und meine Antworten setzten sich zusammen aus dem, was ich mir im Laufe vieler Jahre angelernt und angelesen, was ich erlebt und erfahren hatte.

Sonst nichts (ich selber trank, völlig "integriert", Whisky und rauchte Zigaretten). Aber es genügte, mich eines Tages ganz persönlich in der Sündenbockrolle wiederzufinden: "L. verharmlost, verniedlicht, propagiert Haschisch." So lautete die Anklage, die gleichzeitig von den Pseudo-Revolutionären in "konkret" und von einer CDU-Abgeordneten im Bundestag erhoben wurde. Es sitzt offenbar jeder auf seine eigene Weise zwischen den Stühlen.

Wer in einem Lande des Linksverkehrs gute Argumente dafür vorbringt, daß Rechtsfahren doch eigentlich auch manches für sich hätte, erscheint – was immer er sagen mag – als Störenfried. Da ich diese Rolle nicht gerne auf Kosten der ZEIT weiterspielen wollte, habe ich mich seit einem Jahr geweigert, mich zum Thema Rauschdrogen im allgemeinen und Haschisch im besonderen zu äußern.