Hans Maier, der Kultusminister von Bayern, hat einen der wichtigsten pädagogischen Versuche in der Bundesrepublik reglementiert. Letzte Woche teilte das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultur dem Münchner Kinderarzt Theodor Hellbrügge mit, seine Modellschule "kann noch nicht als gesichert gelten".

Dabei ist erwiesen, daß Hellbrügges Experiment der deutschen Sonderschulpädagogik wesentliche neue Erkenntnisse bringen wird: Behinderte Kinder werden nicht mehr in besonderen Schulen isoliert, sondern lernen gemeinsam mit gesunden Schülern. Das ist pädagogisch wie gesellschaftspolitisch entscheidend, denn die Behinderten werden durch die Gesunden angeregt, und die Gesunden lernen, Rücksicht zu nehmen, weil sie verstehen, wie schwer es ihre Mitschüler haben. Nur so kann die tief verwurzelte und weit verbreitete Mißachtung abgebaut werden, die Behinderten entgegengebracht wird.

Seit einem Jahr sitzen in der Münchner Modellschule verschiedenartig behinderte und gesunde Kinder in einer Klasse und lernen mit gutem Erfolg. Jetzt verbietet das Ministerium Professor Hellbrügge, geistig behinderte, blinde und gehörlose Kinder zusammen mit gesunden in seiner Schule zu unterrichten. Außerdem darf Hellbrügge keinen Schüler während des Schuljahres aufnehmen oder aus dem Kindergarten umschulen (was er bisher getan hat), und er darf seinen Versuch nicht über das Schuljahr 1974/75 hinaus ausdehnen.

Für den Kinderarzt, dessen Experiment weltweites Interesse findet, kommt der Schuß vor den Bug überraschend. Hellbrügge: "Das können Pädagogen doch nicht verantwortet haben. Diese Anordnungen gefährden mein ganzes Modell."

Bedroht ist Hellbrügges Hilfe für behinderte Kinder freilich noch aus einem anderen Grund: der Professor ist in akuter finanzieller Not, da er weder aus Bonn noch von der bayerischen Landesregierung noch von der Regierung von Oberbayern noch von der Stadt München noch von der Universität jene zwei Millionen Mark erhält, die er pro Jahr für seine wissenschaftliche und pädiatrische Tätigkeit dringend braucht.

Jetzt teilte die Universitätskasse dem bedrängten Arzt mit: "Die Miete kann nicht mehr bezahlt werden." Außerdem sei die Kasse "leider gezwungen, ab November die Gehaltszahlungen einzustellen", wenn nicht "sofort ca. 40 000 Mark freigegeben werden". Hayo Matthiesen